Freitag, 28. August 2026

KI und Recruiting - Gespräch mit Marius Luther über MADITA - die agentische Recruiterin

Die Vorbereitungen zu meinem letzten HR Innovation Day vor dem Ruhestand laufen auf Hochtouren. Im Vorfeld dieses Events führe ich gern Interviews und ich freue mich, mit Marius Luther einen sehr interessanten Gesprächspartner mit einer ausgeprägten Recruiting-Affinität gefunden zu haben. Er wird am 30. September 2026 Madita vorstellen und für Fragen und die Diskussion dazu zur Verfügung stehen. Madita ist eine innovative KI-gestützte Recruiting-Lösung, die am 25. August 2026  erstmals dem breiten Recruiting-Publikum im Rahmen des Agentic Recruiting Forums vorgestellt wurde. Herzlichen Dank bereits an dieser Stelle für Ihre Mitwirkung am HR Innovation Day und dafür, dass Ihnen heute einige Fragen stellen kann.

Wald: Lieber Herr Luther, könnten Sie sich und Ihr Unternehmen kurz vorstellen?
Luther: Ich bin Marius Luther, Mitgründer und CEO von HeyJobs. Wir haben 2016 in Berlin angefangen, mit der Idee, Bewerbung und Job über einen digitalen Kanal zusammenzubringen, statt über Anzeigen und Hoffnung. Heute arbeiten wir mit >5000 Unternehmen zusammen, vor allem in Bereichen, in denen Personal wirklich knapp ist: Handel, Logistik, Pflege, Industrie. Seit gut einem Jahr liegt unser Schwerpunkt auf MADITA. MADITA ist eine agentische Recruiterin, also keine Software, die man konfiguriert, sondern eine virtuelle Kollegin, die man onboardet. Sie führt das Erstgespräch, rund um die Uhr, in über 90 Sprachen, und legt dem Team eine strukturierte Einschätzung samt Transkript auf den Tisch. Entschieden wird weiterhin im Team. Unser Claim ist genau deshalb so kurz: Madita interviewt. Ihr entscheidet.

Wald: Ein Blick in den Leipziger HRM-Blog und die zurückliegenden HR Innovation Days zeigt, dass hier in der Vergangenheit oft Recruiting-Lösungen vorgestellt wurden (truffls, Jobpilot, Viasto). In den letzten Jahren gab es aus meiner Sicht etwas „Ruhe", was technische Recruiting-Lösungen angeht. Woran lag das?
Luther: Drei Gründe, und keiner davon ist besonders schmeichelhaft für unsere Branche.
Erstens war die Welle, die Sie beschreiben, eine Kanal- und Oberflächenwelle. Swipen statt Anschreiben, Video statt Telefon, Jobbörse statt Zeitung. Das hat verändert, wie Arbeit verpackt wird, nicht wer sie macht. Die eigentliche Arbeit im Recruiting, Unterlagen sichten, Gespräche führen, nachfassen, blieb komplett beim Menschen.
Zweitens ist zwischen 2015 und 2022 fast das gesamte Kapital in Bewerbermanagementsysteme und Suiten geflossen, garniert mit KI-Matching-Versprechen, die in der Praxis oft eine bessere Stichwortsuche waren. Viele HR-Bereiche haben sich daran die Finger verbrannt und sind seitdem zu Recht misstrauisch. Dann kamen Zinswende, Sparprogramme und ein abgekühlter Arbeitsmarkt, und Recruiting-Budgets sind das Erste, was gestrichen wird.
Drittens, und das ist der ehrlichste Grund: Die Technologie, um Recruiting-Arbeit tatsächlich zu erledigen statt sie nur zu verwalten, gab es schlicht nicht. Ein echtes, unterbrechbares Sprachgespräch in menschlicher Qualität, mit Nachfragen, die zur vorherigen Antwort passen, ist erst seit ungefähr anderthalb Jahren technisch und wirtschaftlich möglich. Vorher hätte jeder, der so etwas angekündigt hätte, gelogen.

Wald: In diese „Durststrecke" stoßen Sie jetzt mit Madita. Was hat Sie zu Madita veranlasst?
Luther: Wir sitzen bei HeyJobs an beiden Enden des Prozesses und haben gesehen, wie beide Enden gleichzeitig kaputtgehen. Auf der Bewerberseite ist die Menge explodiert, weil KI das Bewerben fast kostenlos gemacht hat. Ein Mensch verschickt an einem Nachmittag hunderte Bewerbungen, alle sauber formuliert, alle auf die Stelle zugeschnitten. Damit ist der Lebenslauf als Signal weitgehend entwertet. Auf der Unternehmensseite hat sich nichts bewegt: Das Team hat dieselbe Anzahl Stunden wie vorher und muss aus einem größeren Stapel schlechtere Signale herauslesen. Der Ausweg war bisher immer derselbe, härter filtern. Das trifft dann genau die Kandidatinnen und Kandidaten in der Grauzone, die auf dem Papier durchschnittlich aussehen und im Gespräch überzeugen würden.
Ein menschliches Erstgespräch kostet ein Unternehmen voll gerechnet deutlich über 50 Euro. Deshalb wird es rationiert. Wenn ein Gespräch nun erheblich weniger kostet, ändert sich diese Rechnung grundlegend, und plötzlich kann jede und jeder Interessierte ein richtiges Gespräch bekommen.

Wald: Was ist das Besondere an Madita? Was können Recruiterinnen und Recruiter von Madita erwarten?
Luther: MADITA führt ein strukturiertes Gespräch von etwa 15 bis 25 Minuten, per Sprache, auf Wunsch sofort nach der Bewerbung, sonntagabends um 21 Uhr oder morgens um sechs. Sie kennt die Stelle und die Unterlagen, sie fragt nach, wenn eine Antwort dünn bleibt, und sie beantwortet auch Fragen der Bewerbenden. In über 90 Sprachen, mit demselben Standard in jedem Land.
Das Team bekommt danach keine Blackbox, sondern eine Bewertung entlang der Kriterien, die es selbst gesetzt hat, dazu Zusammenfassung, vollständiges Transkript und Audio-Highlights. Bewusst nicht dabei: ein Gesamtscore. Eine einzige Zahl verführt dazu, nicht mehr hinzuschauen, und genau das wollen wir nicht. Ebenfalls nicht dabei: jede Form von Emotions- oder Persönlichkeitsanalyse aus der Stimme.
Praktisch heißt das: Terminfindung fällt weg, Vorqualifizierung fällt weg, Absagen ohne Rückmeldung fallen weg, und der Fachbereich bekommt zum ersten Mal vergleichbare Informationen über alle Kandidatinnen und Kandidaten statt Bauchgefühl aus vier Telefonaten. Und der Punkt, der in Deutschland am meisten zählt: MADITA ist in Europa gebaut, für europäisches Recht. DSGVO-konform, mit Einwilligung und Transparenzhinweis vor jedem Gespräch, mit Löschkonzept, ohne dass Bewerberdaten in irgendein Modelltraining fließen. Wir behandeln die Anwendung als Hochrisiko-System im Sinne des EU AI Act und haben Human-in-the-Loop und die Dokumentation von Anfang an eingebaut. Die US-Anbieter können das technisch alle, rechtlich aber nicht, und sie können Ihnen theoretisch morgen abgeschaltet werden.

Wald: Was sagen Sie zu den Ängsten (FOBO) bei den Recruiterinnen und Recruitern durch den verstärkten Einsatz von KI?
Luther: Ich halte nichts davon, die Angst wegzumoderieren, also sage ich es direkt: Ein Teil der Arbeit verschwindet. Wer pro Woche 25 nahezu identische Telefonscreenings führt, wird diese 25 Screenings nicht behalten. Das ist auch keine Arbeit, für die jemand Recruiting studiert oder gelernt hat. Was bleibt, ist der Teil, für den in den letzten Jahren nie Zeit war. Wie eine Stelle überhaupt zugeschnitten und positioniert wird. Welche Kandidatin man aktiv gewinnt, statt sie nur zu verwalten. Wie man die Führungskraft berät, die zum vierten Mal ein Profil sucht, das es am Markt nicht gibt. Wo Budget hingeht. Das sind Gestaltungsfragen, und sie sind anspruchsvoller als das, was heute den Kalender füllt. Die Software-Entwicklung hat diesen Schritt gerade hinter sich. Die stärksten Entwicklerinnen und Entwickler schreiben nicht mehr jede Zeile selbst, sie briefen und prüfen. Deren Wert ist dadurch gestiegen, nicht gesunken. Zwei Dinge sage ich trotzdem dazu, weil sie zusammengehören. MADITA entscheidet nichts, sie liefert Sachstände, die Auswahl bleibt im Team, und zwar nicht aus Höflichkeit, sondern weil alles andere rechtlich nicht haltbar wäre. Und: Die berechtigte Sorge ist nicht, dass eine KI Ihren Job übernimmt. Sie ist, dass eine Kollegin, die souverän mit KI arbeitet, in zwei Jahren dreimal so viele Stellen besetzt wie Sie. Dagegen hilft Ausprobieren, nicht Abwarten.

Wald: Kommen wir jetzt zum Agentic Recruiting Forum am 25. August 2026. Wie ist es gelaufen? Gibt es ggf. bereits Erfahrungen von Testnutzern?
Luther: Das Forum lief am 25. August, mit über 1.000 Teilnehmer:innen, ehrlich gesagt deutlich mehr, als wir erwartet hatten. Die Aufzeichnung gibt es auf https://madita.ai/forum-2026 Besonders stark fand ich die Kundenbeiträge. Annika Arzdorf von der AXA Direktberatung und Kristin Werner von Televic haben erzählt, wie der Einstieg tatsächlich abläuft, inklusive der Gespräche mit Betriebsrat und Datenschutz. Das ist der Teil, den man von einem Anbieter nicht glauben muss.
Zu den Erfahrungen: Wir befragen nach jedem Gespräch die Bewerbenden. 81 Prozent geben vier oder fünf von fünf Sternen darauf, ob sie es wieder tun würden, 88 Prozent finden die Länge passend, 75 Prozent fühlen sich verstanden. Ein Kandidat für eine Führungsposition hat an einem Sonntagabend freiwillig 54 Minuten gesprochen und danach gesagt, das sei besser gewesen als ein Telefoninterview mit einem menschlichen Recruiter. Ein anderer verglich uns mit einem KI-Videointerview-Anbieter und schrieb, MADITA sei „um Welten besser". Bei der AXA lag die Zufriedenheit im Pilot bei 4,6 von 5 über 45 Gespräche. Was nicht funktioniert hat, sage ich gleich dazu, weil es der wichtigere Teil des Feedbacks war: Im gewerblichen Bereich waren unsere Gespräche anfangs zu lang und die Nachfragen zu tief. Wer sich als Lagermitarbeiter bewirbt, will kein 25-minütiges Kompetenzinterview. Wir haben Länge und Sprachniveau daraufhin pro Zielgruppe steuerbar gemacht.

Wald: Ich bin mir sicher, dass die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des HR Innovation Days viele Fragen zu Madita stellen werden.
Luther: Darauf hoffe ich, und ich hätte gern die unangenehmen. Erfahrungsgemäß kommen drei immer.
  1. Was sagt der Betriebsrat. Antwort: Er fragt zuerst nach Leistungs- und Verhaltenskontrolle, und die betrifft die Beschäftigten, nicht die Bewerbenden. Wir bringen eine Verfahrensdokumentation mit, die genau diese Sitzung vorbereitet.
  2. Machen Bewerbende das überhaupt mit. Antwort: Ja, deutlich bereitwilliger als von Recruiting-Verantwortlichen erwartet, siehe die Zahlen oben. Der Grund ist banal, nämlich Terminfreiheit und keine Wartezeit.
  3. Und: Was passiert mit den Daten. Antwort: Verarbeitung in Europa, Löschung nach sechs Monaten oder früher, kein Training auf Bewerberdaten, ISO 27001 in Vorbereitung.
Wer das lieber selbst ausprobiert, statt es sich erklären zu lassen: Auf madita.ai kann man ein Interview einmal aus der Kandidatenperspektive führen. Das überzeugt mehr als jede Folie, und danach diskutiert es sich besser.

Montag, 24. August 2026

Transparenz ohne Erklärung ist ein Risiko. Warum die Entgelttransparenzrichtlinie kein Reporting-Projekt ist

In der letzten Ausgabe des HR Innovation Days am 30. September 2026 wird es kein klassisches Line-up geben. Ich habe gute Bekannte aus der HR Community um ein Input und das Hosting eines sich  anschließenden Workshops gebeten. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des HR Innovation Days können dann entscheiden, an welchem Workshop sie teilnehmen wollen. Die Workshops werden in zwei Runden durchgeführt, so dass jeder über zwei thematische Schwerpunkte diskutieren kann. Die Inputgeber werde ich in den nächsten Wochen in einem Statement und einer Bio vorstellen. Den Anfang macht Philipp Schuch von www.gradar.com. Er zählt gewissermaßen zum "wertvollen Inventar" des HR Innovation Days und ich freue mich sehr, dass er bei dieser Ausgabe des HR Innovation Days dabei ist. Hier sein Statement und die anschließende Kurzvorstellung.

Vor elf Jahren habe ich beim HR Innovation Day über Equal Pay gesprochen - damals ging es noch darum zu belegen, dass es die Lücke überhaupt gibt. Heute bestreitet das niemand mehr, nur erklären kann sie kaum jemand: Der unbereinigte Gender Pay Gap ist seit 2015 von 22 auf 16 Prozent gefallen, der bereinigte von 7 auf 6. Genau diesen unerklärten Rest macht die EU-Entgelttransparenzrichtlinie sichtbar – während das deutsche Umsetzungsgesetz weiter auf sich warten lässt und das erste Berichtsjahr längst läuft. Ich zeige, warum die Richtlinie ihren zentralen Begriff, die gleichwertige Arbeit, bewusst undefiniert lässt und die Auslegung damit in die Unternehmen verlagert. Und ich zeige anhand von Entgeltanalysen aus über 600 Organisationen drei Muster, die immer wieder auftauchen – und warum dieselbe Kennzahl drei völlig verschiedene Handlungsempfehlungen bedeuten kann.

Philipp Schuch gründete im Jahr 2014 das HR-Tech-Startup QPM GmbH. Hier hat er mit seinem Team das Stellenbewertungssystem www.gradar.com entwickelt und mittlerweile mit großem Erfolg auch international etabliert. Die Mission von gradar ist klar: Organisationen dabei zu unterstützen, ihre Vergütung souverän zu managen, die Anforderungen der EU-Entgelttransparenzrichtlinie zu erfüllen und eine langfristige Grundlage für Entgeltgerechtigkeit aufzubauen. Zum Team von gradar gehören derzeit über 25 Mitarbeitende, die in Deutschland, Neuseeland, Großbritannien und USA tätig sind. Philipp Schuch ist zudem Fellow des Center of Evidence Based Management www.cebma.org.

Donnerstag, 13. August 2026

HR Innovation Day 2026 und Goodbye am 30. September 2026 an der HTWK in Leipzig

Es wird bei dieser letzten Ausgabe des HR Innovation Days kein klassisches Line-up geben, sondern ich freue mich, interessante Speaker aus der HR Community gewonnen zu haben, die jeweils einen kurzen Impuls geben werden. Anschließend stehen diese dann als Hosts von Gesprächsrunden für eine Diskussion zur Verfügung. Die Gesprächsrunden werden zweimal durchgeführt. Zu den Impulsgebern gehören (Stand 28. August 2026)


Daniel Mühlbauer-Gerber
(aka Data Dan; Expert for P&O AI Solutions bei Siemens)

Marius Luther (Interview)
Co-Founder & CEO at HeyJobs // Founder at MADITA

Philipp Schuch (Statement)
(Gründer und CEO von gradar – Der Erfahrungsträger zum Thema Entgeltransparenz)

Henrik Zaborowski
(aka der „Luther des Recruitings“; Recruitingspezialist)

Weitere Impulsgeber sind angefragt.

Für wen:
„Meine Absolventinnen und Absolventen“, Junge (& ältere) HR Professionals, an aktuellen HR- und Führungs-Themen Interessierte

Fragen/Anregungen:
per Mail  peter.m.wald@htwk-leipzig.de  oder  über LinkedIn  #HRInnoDay26

Ansprechpartner:
Prof. Dr. Peter M. Wald, Fakultät Wirtschaftswissenschaft und Wirtschaftsingenieurwesen der HTWK Leipzig

Wann/Wo:
30. September 2026 ab 12:00 Uhr im Gutenberg-Bau der HTWK Leipzig
(Gustav-Freytag-Str. 42 in 04277 Leipzig)


Achtung: Hier gibt es die   Tickets zum Event

Ich freue mich sehr auf das Wiedersehen in Leipzig. 

Peter (M. Wald)

 



Dienstag, 4. August 2026

HR Innovation Day 2026 und Abschied - Am 30. September 2026 an der HTWK Leipzig

Mein Abschied rückt näher. Dieser soll jedoch nicht sang- und klanglos passieren, sondern inhaltsreich und vergnüglich sein. Deshalb wird es am 30. September 2026 ab 12:00 Uhr an der HTWK in Leipzig eine kurze Ausgabe des HR Innovation Days geben. Am Abend lade ich denn herzlich zum Tanz in den Herbst in eine Location im Leipziger Süden ein. Informationen zum Programm und zu den Anmeldemöglichkeiten folgen in den nächsten Tagen. Deshalb: Stay tuned.

Herzliche Grüße aus Leipzig

Euer/Ihr Peter (M. Wald)

Freitag, 31. Juli 2026

Wie entwickelt sich der Stellenmarkt? Bilanz des ersten Halbjahrs 2026 - Interview mit Jürgen Grenz

Heute habe ich erneut die Gelegenheit mit Jürgen Grenz über aktuelle Entwicklungen des Stellenmarktes zu sprechen. Er ist CEO der Index-Gruppe und ein gern gesehener Interviewgast im Leipziger HRM-Blog. Das erste Halbjahr 2026 mit sich zum Teil überschlagenden Nachrichten liegt hinter uns. Die Leserinnen und Leser meines Blogs interessieren sich sehr, inwieweit dies den Stellenmarkt beeinflusst hat. Sind bei den Stellenangeboten Entwicklungen sichtbar, die sich auf die wirtschaftliche Lage zurückführen lassen oder kann hier stellenweise von einer gewissen Robustheit der Stellenangebote gesprochen werden? Gibt es Berufsgruppen bzw. Tätigkeitsfelder oder Branchen mit Besonderheiten bei der Entwicklung der Stellenanzeigen? Welche Rolle spielt Gehaltstransparenz bei Stellenzeigen? Wie steht es um Anforderungen an KI-Kompetenzen in den Stellenanzeigen? Über diese und weitere Fragen kann ich erneut mit Jürgen Grenz sprechen. Der CEO der Index-Gruppe analysiert mit seiner Personalmarktforschung Index-Research seit Jahren die Entwicklungen am Stellenmarkt und ordnet aktuelle Trends ein. Angesichts der sich überschlagenden arbeitsmarktpolitischen Nachrichten ist es spannend zu erfahren, wie sich das Stellenangebot konkret im ersten Halbjahr 2026 entwickelt hat.

Wald: Lieber Herr Grenz, vorweg herzlichen Dank, dass ich Sie heute wieder als Gesprächspartner gewinnen konnte.
Grenz: Sehr gerne. Ich freue mich auf das Gespräch.

Wald: Lassen Sie uns den Blick auf das erste Halbjahr 2026 richten. Angesichts der schwierigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen bin ich gespannt, wie sich der Stellenmarkt insgesamt entwickelt hat.
Grenz: Die derzeitige Wirtschaftskrise macht sich auch auf dem Stellenmarkt bemerkbar. Die Unternehmen in Deutschland suchen deutlich weniger neue Mitarbeitende. Im ersten Halbjahr 2026 schrieben sie bundesweit rund 5,9 Millionen Stellen öffentlich aus. Das waren 4 Prozent weniger als im Vorjahrszeitraum.

Wald: Lassen sich regionale Schwerpunkte erkennen? Oder waren alle Regionen Deutschlands gleichermaßen vom Stellenrückgang betroffen?


































Grenz: Es gab durchaus regionale Unterschiede. Mit minus 12 Prozent und minus 11 Prozent ging das Stellenangebot in Thüringen und Baden-Württemberg am stärksten zurück. In allen anderen Bundesländern sank es prozentual einstellig, von zwei Ausnahmen abgesehen. In Bremen blieb es ungefähr gleich. Besonders erfreulich war die Entwicklung in Berlin. In der Hauptstadt stieg das Jobangebot im ersten Halbjahr dieses Jahres um 9 Prozent gegenüber dem ersten Halbjahr 2025.

Wald: Gab es auch mit Blick auf einzelne Berufsgruppen nennenswerte Unterschiede?
Grenz: Auch die Nachfrage nach einzelnen Fachkräften hat sich im Vergleichszeitraum sehr unterschiedlich entwickelt. Den stärksten Stellenrückgang gab es bei Verwaltungsjobs mit minus 14 Prozent sowie im Personalwesen mit minus 10 Prozent. In diesen Bereichen besetzen viele Arbeitgeber frei gewordene Stellen oft nicht nach, wenn es wirtschaftlich schwierig wird.

Wald: Gab es auch Berufsgruppen, für die Arbeitgeber mehr Stellen ausgeschrieben haben?
Grenz: Ja, die gab es. Positiv ist hervorzuheben, dass Unternehmen und öffentliche Einrichtungen insgesamt 11 Prozent mehr Stellen in den Bereichen Wissenschaft sowie Aus- und Weiterbildung ausgeschrieben haben. Dieser Personalaufbau ist ein gutes Zeichen für die Zukunftsfähigkeit von Unternehmen und Beschäftigten im KI-Zeitalter.


Wald: Welche Fachkräfte waren im ersten Halbjahr zahlenmäßig am stärksten gefragt?
Grenz: Die mit großem Abstand meisten Stellen veröffentlichten die Arbeitgeber für Bauarbeiter und Handwerker mit fast 1,3 Millionen Jobs. Mit insgesamt rund einer Million Stellen richteten sich die meisten Jobangebote an technische Fachkräfte wie Ingenieure und Architekten. Zudem wurden mit fast 920.000 Stellen überproportional viele Jobs für Gesundheits- und Pflegepersonal ausgeschrieben.

Wald: Derzeit wird viel über die geringere Zahl an Stellen für Berufseinsteiger berichtet. Können Sie diese Entwicklung bestätigen?
Grenz: Absolventen haben es derzeit besonders schwer, in der Arbeitswelt Fuß zu fassen. Das zeigen unsere Stellenmarktdaten ganz deutlich. Im ersten Halbjahr 2026 ging das Ausbildungsplatzangebot um 12 Prozent zurück. Noch stärker traf es Young Professionals. Damit sind Hochschulabsolventen mit maximal drei Jahren Berufserfahrung gemeint, also Jobs für Trainees, Volontäre, Junioren und Direkteinsteiger nach dem Studium. Für sie sank das Stellenangebot um 27 Prozent.

Wald: Obwohl es die EU-Entgelttransparenzrichtlinie gibt, ist in Deutschland bisher kein Entgelttransparenzgesetz verabschiedet worden. Wie sieht es mit dem Anteil von Stellenanzeigen mit Gehaltsangaben aus?
Grenz: Bei der Umsetzung der EU-Entgelttransparenzrichtlinie in nationales Recht steht die Bundesregierung in der Pflicht. Die große Koalition hat bekanntlich die Frist am 7. Juni verstreichen lassen. Vorweg möchte ich noch mit einem Missverständnis aufräumen.

Wald: Was genau meinen Sie?
Grenz: Entgegen einer weit verbreiteten Annahme verpflichtet die EU-Entgelttransparenzrichtlinie Unternehmen nicht dazu, das konkrete Gehalt oder eine Gehaltsspanne in Stellenanzeigen zu nennen. Gemäß Artikel 5 der Richtlinie müssen Arbeitgeber Bewerbern zwar Informationen bereitstellen, damit diese Gehaltsverhandlungen fundiert führen können. Dies kann in der Stellenanzeige geschehen, aber auch vor dem Vorstellungsgespräch oder auf anderen Wegen.

Wald: Wie sieht es dennoch mit der Gehaltstransparenz bei Stellenanzeigen deutscher Unternehmen aus?
Grenz: Bislang halten sich die Arbeitgeber in Deutschland mit Gehaltsangaben in Stellenanzeigen weitestgehend zurück. Im ersten Quartal 2026 beispielsweise stand das Gehalt bzw. eine Gehaltsspanne in lediglich rund 23 Prozent der veröffentlichten Stellen. Dieser Wert hat sich im Vergleich zu den Vorjahreszeiträumen kaum verändert.

Wald: Künstliche Intelligenz kommt inzwischen in vielen Unternehmensbereichen zum Einsatz. Werden die gewünschten KI-Kenntnisse bereits direkt in den Stellenanzeigen genannt?
Grenz: Ja, und die Tendenz ist stark steigend. Im zweiten Quartal 2026 standen KI-Kompetenzen im Anforderungsprofil von fast 44.800 Stellenangeboten. Das waren fast zwei Drittel mehr Stellen als im zweiten Quartal 2025. Allerdings betrug der Anteil der Stellen mit KI-Bezug am gesamten Stellenangebot in Deutschland im zweiten Quartal dieses Jahres lediglich 1,4 Prozent.

Wald: In welchen Bereichen suchten Unternehmen die meisten KI-Experten?
Grenz: Wenig überraschend standen Kenntnisse rund um Künstliche Intelligenz am häufigsten in Stellenangeboten für Informatiker mit rund 13.100 Erwähnungen. Es folgten Positionen für Fachkräfte in den Bereichen technische Entwicklung, Konstruktion und Produktionssteuerung mit circa 9.300 Nennungen. Aufschlussreicher als der Blick auf die einzelnen Berufsgruppen ist jedoch die Branchenbetrachtung.

Wald: Welche Besonderheiten gibt es bei den Branchen?
Grenz: Die meisten Stellen für KI-Experten kamen aus der IT-Branche. Auffällig ist die Branche mit den zweitmeisten ausgeschriebenen Stellen mit KI-Bezug. Dabei handelt es sich um die Personaldienstleistungsbranche, also um Personalberatungen, -vermittlungen und Zeitarbeitsfirmen. Sie schrieben im Auftrag von Kundenunternehmen fast 6.400 entsprechende Stellen aus. Unternehmen beauftragen externe HR-Dienstleister erfahrungsgemäß vor allem, um Schlüsselrollen zu besetzen. Das scheint bei KI-Experten der Fall zu sein.

Wald: Wie ist Ihr Ausblick auf die Entwicklung der Stellenanzeigen in der zweiten Jahreshälfte 2026?
Grenz: Das ist schwer zu sagen. Das hängt von vielen Faktoren ab. Niemand kann derzeit seriös prognostizieren, wie sich die Weltwirtschaft entwickeln wird. Sie beeinflusst den Arbeitsmarkt einer Exportnation wie Deutschland seit jeher in besonderem Maße. Dasselbe gilt für die wirtschaftliche Situation von Schlüsselindustrien im Inland wie der Automobilbranche. Und Arbeitsmarktreformen der Bundesregierung, wenn sie denn endlich kommen, werden sich erst mit zeitlichem Abstand auf den Stellenmarkt auswirken.

Wald: Sind in Zukunft weitere Innovationen bei den Leistungsangeboten der Index-Gruppe zu erwarten?
Grenz: index hat im zweiten Halbjahr Großes vor. Konkret geht es um unser Kernprodukt Index-Anzeigendaten, das Vertriebssystem für Personaldienstleister, Zeitungsverlage, Jobbörsen und Agenturen. Die Details dazu verraten wir gerne im nächsten Interview.

Wald: Ganz herzlichen Dank für das erneute, sehr informative Gespräch. Ich wünsche Ihnen und Ihrem Unternehmen weiterhin viel Erfolg.
Grenz: Sehr gerne, Herr Prof. Wald.

Mein Gesprächspartner Jürgen Grenz ist CEO der 1994 gegründeten Index-Gruppe, die heute mehr als 200 Mitarbeitende beschäftigt. Unter ihrem Dach vereint die Unternehmensgruppe diese Marken: Die Personalmarktforschung Index-Research, das Vertriebssystem Index-Anzeigendaten, die HR-Marketing-Agentur Index, der Outplacement-Service Talent-Placement und die Index Business Innovation Consulting, eine Unternehmensberatung für Personaldienstleister.


Sonntag, 26. Juli 2026

Die Professionalisierung von HR beginnt dort, wo HR das Geschäft versteht - Interview mit Sebastian Thomas von Consality

Sebastian Thomas kenne ich seit vielen Jahren. Bei unseren Treffen und auf Konferenzen konnten wir oft feststellen, dass wir ähnliche Meinungen zur aktuellen Rolle und zur Zukunft von HR vertreten. Leider haben wir uns in den letzten Jahren etwas aus dem Auge verloren. Aufgrund seiner interessanten Posts auf LinkedIn bin ich wieder auf ihn aufmerksam geworden. Ich freue mich sehr, dass mir Sebastian heute für ein Gespräch bzw. für ein Update seiner Aktivitäten zur Verfügung steht. Bei ihm ist in den letzten Jahren nach seinem Ausscheiden bei einem großen Automobilzulieferer offensichtlich eine Menge passiert.

Peter: Schön, dass es mit diesem Gespräch klappt. Wir haben lange nichts voneinander gehört. Deshalb meine erste Frage an Dich. Wie ist es dir in den letzten Jahren ergangen?
Sebastian: In den vergangenen Jahren hat sich mein Blick auf HR noch einmal deutlich weiterentwickelt. Nach vielen Jahren im Konzern habe ich mit CONSALITY den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt und begleite Unternehmen heute bei Themen wie HR-Strategie, Strategic Workforce Planning, Kompetenzmanagement und der Gestaltung von Job-Architekturen. Ein zweiter Schwerpunkt ist die Qualifizierung von Mitarbeitenden und Führungskräften. Ich bin überzeugt, dass Weiterbildung dann ihren größten Nutzen entfaltet, wenn sie sich konsequent aus der Unternehmensstrategie und den zukünftigen Kompetenzanforderungen ableitet. Strategische Personalplanung liefert dafür die Grundlage: Sie macht sichtbar, welche Fähigkeiten morgen tatsächlich gebraucht werden – und genau daran sollte sich meiner Meinung nach auch die Qualifizierung orientieren.
Parallel dazu habe ich begonnen, meine Gedanken wieder stärker über meinen Blog und LinkedIn zu veröffentlichen. Das habe ich bereits ab 2017 schon mal intensiver getan, indem ich gebloggt und gepodcastet habe und häufig als Speaker auf Veranstaltungen unterwegs war - in dieser Zeit haben wir uns ja damals auch kennen gelernt. Das Schreiben ist für mich unglaublich wichtig. Es hilft mir, meine Gedanken zu strukturieren, Entwicklungen kritisch einzuordnen und Position zu beziehen – gerade in einer Zeit, in der sich durch KI die Rolle von HR grundlegend verändert.

Peter: Was verbirgt sich hinter CONSALITY?
Sebastian: Der Name CONSALITY setzt sich aus CONSulting und PersonALITY Development zusammen. Genau diese Verbindung beschreibt meinen Beratungsansatz und ich halte sie für entscheidend. Daher unterstütze ich Unternehmen wie gesagt einerseits dabei, ihre Organisation strategisch weiterzuentwickeln – beispielsweise über HR-Strategien, Strategic Workforce Planning oder Kompetenzmodelle. Und andererseits begleite ich Führungskräfte und Mitarbeitende dabei, genau die Kompetenzen aufzubauen, die sich aus dieser Strategie ergeben. Denn Beratung ohne Umsetzung bleibt häufig ein Konzept auf dem Papier. Und Qualifizierung ohne strategischen Kontext führt oft zu Trainings, die zwar gut gemeint sind, aber wenig Wirkung entfalten. Erst wenn Strategie, Kompetenzentwicklung und Qualifizierung ineinandergreifen, entsteht wirksame und nachhaltige Veränderung.

Peter: Schaue ich auf Deine LinkedIn-Posts: Du hast dir ja die Weiterentwicklung beziehungsweise Professionalisierung des Personalmanagements auf die Fahne geschrieben. Wo siehst du hier die wichtigsten Punkte?
Sebastian: Ich glaube, wir diskutieren häufig über die falschen Themen. Viele Debatten drehen sich um neue Rollenmodelle, HR-Software oder einzelne KI-Anwendungen. Das sind wichtige Werkzeuge, aber sie beantworten nicht die eigentliche Frage. Die Professionalisierung von HR beginnt aus meiner Sicht dort, wo HR das Geschäft versteht. Wer die Unternehmensstrategie nicht versteht, kann weder Kompetenzen entwickeln noch den zukünftigen Personalbedarf planen oder den Beitrag von KI sinnvoll bewerten. Deshalb wird Strategic Workforce Planning für mich zur Integrationsdisziplin der gesamten HR-Funktion. Hier laufen Strategie, Kompetenzmanagement, Organisationsentwicklung, Qualifizierung und Finanzplanung zusammen. Gerade zum Thema Strategische Personalplanung werden in den nächsten Wochen noch einige Beiträge erscheinen und sehr konkret die Anwendung und den Mehrwert des Themas beschreiben. Zudem schreibe ich gerade - natürlich, weil das Thema so präsent und wichtig ist - viel über den Einsatz von künstlicher Intelligenz im HR-Bereich. Ich bin überzeugt, dass einzelne Use Cases zwar hilfreich sind, um den Mehrwert von KI aufzuzeigen und die Organisation an das Thema heranzuführen. Gleichzeitig dürfen wir dort nicht stehenbleiben - es bedarf einer sinnvollen Strategie, um KI wirksam einzusetzen und nicht nur über Anwendungsbeispiele Aktivität zu demonstrieren.

Peter: In Deinem Blog sprichst Du von Capability Circles und Workforce Design. Was ist darunter zu verstehen? Ein neues HR Operating Model oder neue Aufgaben für HR?
Sebastian: Eigentlich beides. Und für mich beginnt die Frage noch einen Schritt früher: Passt das klassische HR Operating Model überhaupt noch zu den Herausforderungen der kommenden Jahre? Das Business-Partner-Modell nach Dave Ulrich hat HR über viele Jahre geprägt und einen enormen Beitrag zur Professionalisierung geleistet. Heute stehen Unternehmen jedoch vor anderen Herausforderungen: KI verändert Wertschöpfung, Kompetenzen werden zum entscheidenden Wettbewerbsfaktor und Transformation findet kontinuierlich statt. Diese Themen lassen sich kaum noch in klassischen HR-Abteilungen bearbeiten. Deshalb spreche ich von Capability Circles. Dahinter steht die Idee, HR nicht mehr entlang von Funktionen wie Recruiting, Personalentwicklung oder im Business Partner Modell zu organisieren, sondern entlang der Fähigkeiten und Aufgaben, die Unternehmen tatsächlich für ihre Wertschöpfung benötigen. Beispielsweise einen Circle für Strategie und Organisation, einen für Talent, Leadership und Qualifizierung sowie einen für Operations und Governance. Diese Circle arbeiten Cross-funktional - HR ist dabei, aber eben auch Strategie, Business Development, Sales, Finance, IT oder Repräsentanten von Fachbereichen wie bspw. der Produktion. Ergänzt wird das durch Daten- und KI-Kompetenz als Querschnittsfunktion. Das eigentliche Ziel ist aber nicht ein neues Organigramm. Capability Circles sind Ausdruck eines neuen Selbstverständnisses. HR entwickelt sich vom Verwalter von Personalprozessen zum Gestalter zukünftiger Wertschöpfungssysteme – aus Menschen, Technologie und künstlicher Intelligenz. Genau das verstehe ich unter Workforce Design.

Peter: Insbesondere aus dem Umfeld der KI-Experten kommt oft das Argument, das Personalmanagement eigentlich überflüssig ist. Fast alle Aufgaben lassen sich von KI-Lösungen erledigen.
Sebastian: Ich sehe genau das Gegenteil. KI wird viele operative HR-Aufgaben automatisieren – von administrativen Prozessen bis hin zur Erstellung von Stellenanzeigen oder ersten Bewerberanalysen. Dadurch verschwindet aber nicht HR, sondern es entsteht Raum für die eigentliche strategische Arbeit. Denn jemand muss entscheiden, welche Aufgaben künftig Menschen übernehmen, welche KI-Systeme und welche hybriden Teams. Jemand muss Kompetenzen entwickeln, Veränderungen begleiten und Organisationen neu gestalten. Wenn HR diese Rolle übernimmt, wird die Funktion wichtiger denn je. Wenn nicht, werden andere Bereiche diese Aufgabe übernehmen.

Peter: Mein derzeitiger Schwerpunkt ist das Thema „Deskless Work“. Warum werden diese Mitarbeitenden – im Vergleich zu den Office Workern – wenig beachtet und betrachtet?
Sebastian: Ich glaube, dass wir den Begriff „Deskless Work“ häufig unterschätzen. Dahinter verbirgt sich schließlich der größte Teil der Wertschöpfung vieler Unternehmen – in Produktion, Logistik, Instandhaltung, Pflege oder Service. Gerade dort entscheiden Produktivität, Flexibilität und Kompetenzen unmittelbar über die Wettbewerbsfähigkeit. Ein Beispiel ist ein Framework, das ich derzeit im Rahmen eines Projektes zum Umgang mit Personalüberhängen entwickle. Ausgangspunkt ist die Strategische Personalplanung. Wenn Unternehmen frühzeitig erkennen, dass sich ihr Personal- oder Kompetenzbedarf verändert, stellt sich nicht nur die Frage, wie viele Mitarbeitende künftig benötigt werden, sondern vor allem, welche Maßnahmen sinnvoll sind. Gerade im produzierenden Bereich gibt es dafür deutlich mehr Stellhebel als häufig angenommen. Unternehmen können etwa Schichtmodelle anpassen, Produktionslinien temporär stilllegen, Maschinenlaufzeiten reduzieren, Mitarbeitende für andere Aufgaben qualifizieren oder interne Mobilität fördern. Ziel muss dabei immer sein, Kosten, Kapazitäten und Kompetenzen gemeinsam zu steuern – und nicht ausschließlich Personal abzubauen. Deshalb liegt mir dieser Bereich besonders am Herzen. Viele aktuelle HR-Diskussionen orientieren sich an der Wissensarbeit im Büro. Die eigentlichen Transformationsherausforderungen finden jedoch oft dort statt, wo Menschen produzieren, Maschinen bedienen, Anlagen instand halten oder Dienstleistungen direkt am Kunden erbringen. Wenn wir über die Zukunft der Arbeit sprechen, dürfen wir diesen Teil der Workforce nicht aus dem Blick verlieren. Von daher begrüße ich es sehr, dass Du hierauf einen Schwerpunkt legst!

Peter: Ein weiteres Thema ist KI und die Personalarbeit in den vielen mittelständischen Unternehmen. Wenn sich schon viele Großunternehmen schwer tun, was bedeutet KI-Adoption für die KMUs?
Sebastian: Der Mittelstand muss nicht jeden technologischen Trend mitmachen. Er sollte aber sehr genau verstehen, welche Auswirkungen KI auf sein Geschäftsmodell und seine zukünftigen Kompetenzen hat. Viele Unternehmen beginnen heute mit einzelnen Anwendungsfällen. Darüber haben wir schon kurz gesprochen: Das ist sinnvoll, reicht aber nicht aus. Die eigentliche Herausforderung - insb. für HR - besteht darin, KI mit Unternehmensstrategie, Organisationsentwicklung und Qualifizierung zu verbinden. Gerade kleinere Unternehmen haben hier sogar Vorteile: kürzere Entscheidungswege, weniger Komplexität und häufig eine größere Veränderungsgeschwindigkeit. Von daher kann das für KMUs auch eine enorme Chance zu einer wirksamen Anwendung von KI sein.

Peter: Was empfiehlst Du Studierenden, die trotz allem den Studienschwerpunkt HR wählen? Was sollten sie wissen und können? Wo sollten die Schwerpunkte ihrer Ausbildung liegen?
Sebastian: Neugierig auf alles zu sein – außer ausschließlich auf HR. Wer ausschließlich Personalmanagement studiert, wird künftig Schwierigkeiten haben. Gute HR-Expertinnen und HR-Experten verstehen Geschäftsmodelle, Technologien, Daten, Finanzen und Organisationsentwicklung. Ich würde jedem empfehlen, sich intensiv mit künstlicher Intelligenz, Business-Strategie, Change Management und Datenanalyse auseinanderzusetzen. Gleichzeitig bleiben klassische Kompetenzen wie Kommunikation, Moderation und Führung wichtiger denn je. Denn die Zukunft von HR besteht nicht darin, Menschen zu verwalten. Sie besteht darin, Unternehmen dabei zu helfen, ihre zukünftige Wertschöpfung zu gestalten.

Sebastian Thomas hat an der Leibniz Universität Hannover Wirtschaftswissenschaften studiert und dort auch zum Thema „Sustainable Leadership“ promoviert. Er verfügt über mehr als 15 Jahre Erfahrung in der Beratung und der strategischen Personalarbeit in einem internationalen DAX-Konzern. Sein Ziel ist es, Organisationen und Menschen zusammenzubringen und sie in dem, was sie tun, noch wirksamer, zufriedener und erfolgreicher zu machen. Dabei hilft ihm sowohl seine breite Expertise als Berater, Trainer und Coach als auch seine operative Erfahrung als Projektmanager und Führungskraft. Darüber hinaus ist er auch als Blogger aktiv.

Mittwoch, 15. Juli 2026

Auch Deskless Worker wollen sich weiterentwickeln. Fluktuationsforensiker Michael Röhr im Gespräch

Das Thema Deskless Work und Personalmanagement zählt bekanntermaßen seit Jahren zu den mir favorisierten Themen. Damit möchte ich die Aufmerksamkeit vor allem der HR-Community auf die Mitarbeitenden in Fertigung, Handel, Handwerk und Pflege lenken. Gut, dass hier die Zahl der Initiativen in der letzten Zeit deutlich zugenommen hat. Mit einigen der Akteure konnte ich bereits Interviews (1, 2, 3, 4) führen. Dabei wurde deutlich, dass es in allen Prozessen und Praktiken des Personalmanagements breite Möglichkeiten gibt, die Gruppe der Deskess Worker spezifisch zu adressieren. Heute soll der Blick auf die Personalbindung und Fluktuation gerichtet werden. Dabei handelt es sich nach wie vor um HR-Top Themen. Ich freue mich sehr, dass ich dazu mit Michael Röhr sprechen kann, der sich selbst als Fluktuationsforensiker bezeichnet. Ich denke, dass Einblicke in sein Wissen und seine konkreten Erfahrungen für die Leserinnen und Leser meines Blogs sehr interessant sind.

Wald: Bereits an dieser herzlichen Dank für die Möglichkeit dieses Interviews. Könnten Sie sich kurz vorstellen?

Röhr:: Ich bin Michael Röhr, Mitgründer von People Rebellion. Mein beruflicher Weg ist etwas ungewöhnlich für jemanden, der heute über HR spricht: Ich habe als Führungskraft in der Stahlindustrie und im Bergbau angefangen. Welten, in denen Deskless Worker den Ton angeben. Später war ich CEO in der IT-Branche. Diese Kombination hat mir früh klargemacht, dass Mitarbeiterbindung in der Produktion, im Handwerk oder unter Tage völlig anderen Gesetzen folgt als im Office. Mit People Rebellion haben Daniela Endres und ich eine Boutique-Beratung aufgebaut, die genau da ansetzt: nicht erst bei der Kündigung, sondern weit davor. Auch weit vor der inneren Kündigung. Die grassiert in vielen Unternehmen still und unsichtbar, lange bevor jemand die Personalabteilung informiert. Wir nennen uns die Fluktuationsforensiker®, weil wir die Ursachen von Fluktuation und innerer Kündigung sezieren, bevor sie zum Problem werden.

Wald: Sie bezeichnen sich selbst als Fluktuationsforensiker, was können sich meine Leserinnen und Leser darunter vorstellen?
Röhr: Jede Maschine in einer Fabrik hat Sensoren, die anzeigen, wann ein Bauteil verschleißt, bevor es ausfällt. Im Personalwesen fehlt dieses Frühwarnsystem noch weitgehend. Unternehmen reagieren auf Kündigungen, statt sie vorauszusehen. Genau das wollen wir ändern. Wir haben einen Ansatz entwickelt, der das Prinzip der Predictive Maintenance, also vorausschauender Wartung aus der Industrie, auf das Personalwesen überträgt. Wir analysieren Signale, die lange vor einer Kündigung sichtbar werden: verändertes Kommunikationsverhalten, sinkende Produktivität, Qualitätsmängel, Kundenbeschwerden, Rückzug aus dem Team. Diese Muster existieren in den Daten der meisten Unternehmen bereits, sie werden nur nicht gelesen. Fluktuationsforensik bedeutet: Wir lesen und analysieren diese Daten und schalten die Warnlampe an, bevor stille Demotivation Produktivität frisst, Qualität leidet und aus innerer Kündigung echte Fluktuation wird.

Wald: Was meinen Sie? Warum stehen diese Themen nach wie vor nicht im Mittelpunkt der Analysen und Diskussionen in den Unternehmen?
Röhr:: Ich sehe zwei Ursachen. Die erste ist Unkenntnis. Fluktuation wird in vielen Unternehmen als Naturgewalt behandelt, als etwas, das halt passiert. Solange Stellen neu besetzt werden, gilt das Problem als gelöst. Dabei ist genau diese Rechnung der erste und wichtigste Schritt: Was kostet mich eine unbesetzte Stelle wirklich? Was kostet mich der Ausschuss, die Qualitätsmängel, die Kundenbeschwerden, die steigende Krankenquote, die entstehen, weil erfahrene Mitarbeitende fehlen oder innerlich längst weg sind? Wir haben das für ein Unternehmen durchgerechnet. Jede Kündigung kostete dort rund 53.000 Euro, das Einsparpotenzial lag bei über 330.000 Euro im Jahr. Wer diese Zahl einmal auf dem Tisch hat, denkt nie wieder reaktiv über Fluktuation nach. Die zweite Ursache ist strukturell. HR sitzt in vielen Unternehmen noch immer nicht am strategischen Tisch. Fluktuation wird als HR-Problem behandelt, nicht als Unternehmensproblem. Dabei trifft sie den COO, den Werkleiter und den Vertriebsleiter genauso hart, oft sogar härter als die Personalabteilung. Solange das so bleibt, wird Fluktuation reaktiv gemanagt. Und reaktives Management ist immer teurer als vorausschauendes.

Wald: Kommen wir nun zu den Deskless Workern. Wie bewerten Sie die Sicht der Unternehmen auf die Fluktuation bzw. Kündigungen im Bereich der Deskless Worker?
Röhr:: Ich erlebe in unseren Projekten immer dasselbe: Deskless Worker tauchen in Fluktuationsanalysen als Zahl auf, nicht als Mensch. Man spricht von Abgangsquoten, von Headcount, von Ersatzbedarf. Die Frage, warum genau dieser erfahrene Schichtführer geht, stellt kaum jemand. Das hat historische Wurzeln. In der Industrie, im Handel, in der Pflege wurde hohe Fluktuation jahrzehntelang als normal akzeptiert. Ich kenne das aus eigener Erfahrung aus der Stahlindustrie und dem Bergbau. Es war so, also war es normal. Diese Denkweise ist gefährlich, denn sie war nie richtig, man konnte sie sich nur lange leisten. Heute geht das nicht mehr. Innere Kündigung zeigt sich nicht nur in sinkender Produktivität und Qualitätsmängeln, sie schlägt sich direkt in der Krankenquote nieder. Wer glaubt, einen erfahrenen Deskless Worker in Zeiten des Fachkräftemangels einfach zu ersetzen, wird das schmerzhaft lernen. Meistens zu spät.

Wald: Können Sie etwas zu den besonderen Kündigungsgründen von Deskless Workern sagen? Gibt es hier ggf. Unterschiede zu den Office Workern?
Röhr:: Die Kündigungsgründe von Deskless Workern unterscheiden sich in wichtigen Punkten von denen der Office Worker, werden aber in der Praxis oft gleich behandelt. Das ist der erste Fehler. Auch Deskless Worker wollen sich weiterentwickeln, aber weniger auf der Karriereleiter. Sie wollen ihr Gewerk so gut wie möglich erledigen. Der Garten- und Landschaftsbauer will wissen, wie er mit hitzeresistenten Gehölzen umgeht, wie er bei Starkregen Drainagen plant. Der Produktionsmitarbeiter will eingewiesen werden, wenn eine neue Maschine kommt. Sie wollen das Rüstzeug haben, um exzellent in dem zu sein, was sie täglich tun. Dieser Anspruch wird in vielen Unternehmen systematisch unterschätzt. Was Deskless Worker außerdem eint: Sie wollen gesehen werden, wertgeschätzt werden und sie  wollen, dass man ordentlich mit ihnen spricht. Nicht über sie hinweg, nicht in einer Sprache, die an ihnen vorbeigeht. Es gibt einen Unterschied, ob ich schreibe "Denk dran, heute genug zu trinken, es wird heiß!" oder ob ich schreibe "Bitte denken Sie daran, nicht zu dehydrieren." Beide Botschaften meinen dasselbe. Aber nur eine kommt an. Und genau hier liegt das strukturelle Problem: Deskless Worker haben keinen Zugang zum Intranet, keine Firmenmailadresse, keinen Laptop. Sie sind von der internen Kommunikation faktisch abgeschnitten. Was sie erreicht, sind Aushänge, Zuruf vom Vorgesetzten oder Gerüchte aus der Kaffeepause. Kein Wunder, dass sie sich nicht zugehörig fühlen. Was dabei oft vergessen wird: Deskless Worker tragen enormes praktisches Know-how in sich. Sie wissen, welches Werkzeug auf der Baustelle wirklich funktioniert, welche Maschine in der Produktion Probleme macht, bevor sie ausfällt. Dieses Wissen wird selten systematisch genutzt. Unternehmen, die ihre Deskless Worker aktiv in die Auswahl von Maschinen und Werkzeugen einbeziehen, senden ein starkes Signal: Eure Meinung zählt. Das kostet nichts, bindet aber enorm.

Wald: Was raten Sie Unternehmen, um die Bindung von Deskless Workern zu verbessern?
Röhr: Das Wichtigste zuerst: Hinhören. Nicht mit einer anonymen Online-Befragung, die niemand ausfüllt, weil sie auf dem Smartphone nicht funktioniert. Sondern mit echten Gesprächen, vor Ort, in der Sprache dieser Menschen. Deskless Worker wollen gesehen werden, sie wollen wertgeschätzt werden, und sie wollen, dass man ordentlich mit ihnen und nicht über sie spricht. Wer das ernst nimmt, hat schon gewonnen, bevor die erste Maßnahme beschlossen ist. Der zweite Rat: Kommunikation, die zu ihrem Alltag passt. Kein Intranet, keine Firmenmailadresse, kein Aushang, den niemand liest. Die Frage ist nicht, wie die Personalabteilung kommunizieren will, sondern wie diese Menschen erreichbar sind. Und dann: die Zahlen auf den Tisch. Was kostet uns Fluktuation wirklich? Wer diese Frage einmal ernsthaft beantwortet hat, trifft andere Entscheidungen.

Wald: Sie sprechen von Frühwarnsystemen und Datenanalyse. Wie sieht das in der Praxis aus?
Röhr:: Am Anfang steht immer die Kostenermittlung. Was kostet eine unbesetzte Stelle und innere Kündigung wirklich? Was kostet es an Qualitätsmängel und Produktionsausfälle? Das ist die Grundlage für alles, was danach kommt. Im zweiten Schritt analysieren wir die Daten, die das Unternehmen längst hat: HR-Daten, und wo es sie gibt, Produktionsdaten, Kundenbeschwerden, Qualitätsmängel. Daraus diagnostizieren wir Schwerpunktteams, wo es gut läuft, und Teams, wo es nicht so gut läuft. In diesen Teams führen wir qualitative und quantitative Befragungen durch und korrelieren die Ergebnisse mit den Daten zu einem Modell. So wissen wir, warum Menschen gehen oder innerlich kündigen. Aus diesen Erkenntnissen leiten wir Bindungsmaßnahmen ab, immer mit einem klaren ROI, weil wir vorher die Kosten ermittelt haben. Die Maßnahmen setzen wir gemeinsam mit dem Unternehmen um und messen, ob die Einsparpotenziale erreicht werden. Die Königsklasse ist unser Bindungsbarometer. Wenn das Datenmodell steht, kann es fortlaufend, wie Predictive Maintenance in der Industrie, Analysedaten leifern. In dem Moment, wo sich etwas verändert, was in der Vergangenheit zu Fluktuation oder Produktionsproblemen geführt hat, geht die Warnlampe an. Nicht für eine Person, sondern für ein Team. Wir sagen nicht: „Schulze hat ein Problem“ Wir sagen: In diesem Team läuft etwas aus dem Ruder, das hat in der Vergangenheit zu genau diesen Konsequenzen geführt. Was wir nicht machen: automatisierte Tipps geben, was dann zu tun ist. Die Führungskraft bekommt den Hinweis und das Rüstzeug, selbst zu analysieren und zu handeln. Unser Leitsatz ist Human in the Lead. Die Verantwortung bleibt dort, wo sie hingehört, bei der Führungskraft. Was fast immer der erste Quick Win ist: Kommunikation und Sichtbarkeit. Runter an die Maschine gehen, mit den Menschen sprechen. Das kostet kein Geld, nur Zeit und Aufmerksamkeit.

Wald: Von einigen Unternehmen höre ich oft das Argument, dass derzeit die Bindung von Mitarbeitenden nicht so wichtig sei. Was würden Sie diesen Unternehmen sagen?
Röhr: Ich habe das selbst gedacht. Nach einer Unternehmensübernahme habe ich zwei Jahre gewartet, bis mein Bleibe-Bonus auslief, den Bonus mitgenommen und bin dann gegangen. Mein Arbeitgeber war bis zuletzt der Meinung, dass alles in Ordnung sei. Von außen sah alles gut aus bei mir. Bis ich weg war. Ich verstehe das Argument, aber ich halte es für gefährlich kurzsichtig. Es basiert auf einer Annahme: Der Arbeitsmarkt bleibt dauerhaft so, wie er gerade ist. Er wird es aber nicht. Der demografische Wandel sorgt dafür, dass der Wettbewerb um erfahrene Fachkräfte in den nächsten Jahren dramatisch zunimmt. Wer heute nicht bindet, sucht morgen auf einem leeren Arbeitsmarkt. Und bitte verstehen Sie mich nicht falsch: Es geht nicht darum, jeden zu halten. Es geht darum, die Richtigen zu halten. Auch wenn Unternehmen zu schmerzhaften Einschnitten gezwungen werden, wer langfristig plant, muss wissen, wer die Know-how-Träger sind, wer die stillen Leistungsträger, ohne die morgen die Produktion steht. Genau diese Menschen gilt es zu verstehen und zu binden, und zwar jenseits von Geld und Bleibeprämien. Studien belegen es immer wieder: Finanzielle Anreize allein halten niemanden, der innerlich schon weg ist. Die entscheidende Frage ist: Was hält diese Menschen wirklich? Die Antwort liegt fast nie im Gehalt, sondern in Anerkennung, in sinnvoller Arbeit, in einer direkten Führungskraft, die zuhört. Wer mir trotzdem sagt, Mitarbeiterbindung sei gerade nicht wichtig, dem wünsche ich, dass er recht behält. Die Demografie wird diese Frage in den nächsten Jahren für uns alle beantworten.

Wald: Herzlichen Dank für dieses Gespräch. Ich freue mich darauf, dass wir uns in nächster Zeit in Leipzig persönlich kennen lernen.
Röhr: Die Freude ist ganz meinerseits, Herr Professor Wald. Ich bin durch Ihr Buch zu Deskless Workern auf Sie aufmerksam geworden und froh, dass daraus dieser Austausch entstanden ist. Ihr Blog und Ihre Arbeit geben einer Gruppe von Menschen eine Stimme, die in der HR-Diskussion noch viel zu oft übersehen wird. Ich freue mich sehr auf Leipzig.

Mein Interviewpartner Michael Röhr ist Mitgründer von People Rebellion und Fluktuationsforensiker®. Er kommt aus der Stahlindustrie und dem Bergbau, später war er CEO in der IT-Branche. In diesen Welten hat er früh verstanden, wie Arbeit für Menschen aussieht, die keinen Schreibtisch haben, warum klassische HR-Instrumente an ihnen vorbeigehen, und warum sie gehen. Heute analysiert er mit seinem Unternehmen die Daten, die Firmen längst haben, und schaltet die Warnlampe an, bevor jemand geht. Einen konkreten Einblick in seine Arbeit zeigt ein WDR-Beitrag in der ARD-Mediathek.