Peter: Schön, dass es mit diesem Gespräch klappt. Wir haben lange nichts voneinander gehört. Deshalb meine erste Frage an Dich. Wie ist es dir in den letzten Jahren ergangen?
Sebastian: In den vergangenen Jahren hat sich mein Blick auf HR noch einmal deutlich weiterentwickelt. Nach vielen Jahren im Konzern habe ich mit CONSALITY den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt und begleite Unternehmen heute bei Themen wie HR-Strategie, Strategic Workforce Planning, Kompetenzmanagement und der Gestaltung von Job-Architekturen. Ein zweiter Schwerpunkt ist die Qualifizierung von Mitarbeitenden und Führungskräften. Ich bin überzeugt, dass Weiterbildung dann ihren größten Nutzen entfaltet, wenn sie sich konsequent aus der Unternehmensstrategie und den zukünftigen Kompetenzanforderungen ableitet. Strategische Personalplanung liefert dafür die Grundlage: Sie macht sichtbar, welche Fähigkeiten morgen tatsächlich gebraucht werden – und genau daran sollte sich meiner Meinung nach auch die Qualifizierung orientieren.
Parallel dazu habe ich begonnen, meine Gedanken wieder stärker über meinen Blog und LinkedIn zu veröffentlichen. Das habe ich bereits ab 2017 schon mal intensiver getan, indem ich gebloggt und gepodcastet habe und häufig als Speaker auf Veranstaltungen unterwegs war - in dieser Zeit haben wir uns ja damals auch kennen gelernt. Das Schreiben ist für mich unglaublich wichtig. Es hilft mir, meine Gedanken zu strukturieren, Entwicklungen kritisch einzuordnen und Position zu beziehen – gerade in einer Zeit, in der sich durch KI die Rolle von HR grundlegend verändert.
Peter: Was verbirgt sich hinter CONSALITY?
Sebastian: Der Name CONSALITY setzt sich aus CONSulting und PersonALITY Development zusammen. Genau diese Verbindung beschreibt meinen Beratungsansatz und ich halte sie für entscheidend. Daher unterstütze ich Unternehmen wie gesagt einerseits dabei, ihre Organisation strategisch weiterzuentwickeln – beispielsweise über HR-Strategien, Strategic Workforce Planning oder Kompetenzmodelle. Und andererseits begleite ich Führungskräfte und Mitarbeitende dabei, genau die Kompetenzen aufzubauen, die sich aus dieser Strategie ergeben. Denn Beratung ohne Umsetzung bleibt häufig ein Konzept auf dem Papier. Und Qualifizierung ohne strategischen Kontext führt oft zu Trainings, die zwar gut gemeint sind, aber wenig Wirkung entfalten. Erst wenn Strategie, Kompetenzentwicklung und Qualifizierung ineinandergreifen, entsteht wirksame und nachhaltige Veränderung.
Peter: Schaue ich auf Deine LinkedIn-Posts: Du hast dir ja die Weiterentwicklung beziehungsweise Professionalisierung des Personalmanagements auf die Fahne geschrieben. Wo siehst du hier die wichtigsten Punkte?
Sebastian: Ich glaube, wir diskutieren häufig über die falschen Themen. Viele Debatten drehen sich um neue Rollenmodelle, HR-Software oder einzelne KI-Anwendungen. Das sind wichtige Werkzeuge, aber sie beantworten nicht die eigentliche Frage. Die Professionalisierung von HR beginnt aus meiner Sicht dort, wo HR das Geschäft versteht. Wer die Unternehmensstrategie nicht versteht, kann weder Kompetenzen entwickeln noch den zukünftigen Personalbedarf planen oder den Beitrag von KI sinnvoll bewerten. Deshalb wird Strategic Workforce Planning für mich zur Integrationsdisziplin der gesamten HR-Funktion. Hier laufen Strategie, Kompetenzmanagement, Organisationsentwicklung, Qualifizierung und Finanzplanung zusammen. Gerade zum Thema Strategische Personalplanung werden in den nächsten Wochen noch einige Beiträge erscheinen und sehr konkret die Anwendung und den Mehrwert des Themas beschreiben. Zudem schreibe ich gerade - natürlich, weil das Thema so präsent und wichtig ist - viel über den Einsatz von künstlicher Intelligenz im HR-Bereich. Ich bin überzeugt, dass einzelne Use Cases zwar hilfreich sind, um den Mehrwert von KI aufzuzeigen und die Organisation an das Thema heranzuführen. Gleichzeitig dürfen wir dort nicht stehenbleiben - es bedarf einer sinnvollen Strategie, um KI wirksam einzusetzen und nicht nur über Anwendungsbeispiele Aktivität zu demonstrieren.
Peter: In Deinem Blog sprichst Du von Capability Circles und Workforce Design. Was ist darunter zu verstehen? Ein neues HR Operating Model oder neue Aufgaben für HR?
Sebastian: Eigentlich beides. Und für mich beginnt die Frage noch einen Schritt früher: Passt das klassische HR Operating Model überhaupt noch zu den Herausforderungen der kommenden Jahre? Das Business-Partner-Modell nach Dave Ulrich hat HR über viele Jahre geprägt und einen enormen Beitrag zur Professionalisierung geleistet. Heute stehen Unternehmen jedoch vor anderen Herausforderungen: KI verändert Wertschöpfung, Kompetenzen werden zum entscheidenden Wettbewerbsfaktor und Transformation findet kontinuierlich statt. Diese Themen lassen sich kaum noch in klassischen HR-Abteilungen bearbeiten. Deshalb spreche ich von Capability Circles. Dahinter steht die Idee, HR nicht mehr entlang von Funktionen wie Recruiting, Personalentwicklung oder im Business Partner Modell zu organisieren, sondern entlang der Fähigkeiten und Aufgaben, die Unternehmen tatsächlich für ihre Wertschöpfung benötigen. Beispielsweise einen Circle für Strategie und Organisation, einen für Talent, Leadership und Qualifizierung sowie einen für Operations und Governance. Diese Circle arbeiten Cross-funktional - HR ist dabei, aber eben auch Strategie, Business Development, Sales, Finance, IT oder Repräsentanten von Fachbereichen wie bspw. der Produktion. Ergänzt wird das durch Daten- und KI-Kompetenz als Querschnittsfunktion. Das eigentliche Ziel ist aber nicht ein neues Organigramm. Capability Circles sind Ausdruck eines neuen Selbstverständnisses. HR entwickelt sich vom Verwalter von Personalprozessen zum Gestalter zukünftiger Wertschöpfungssysteme – aus Menschen, Technologie und künstlicher Intelligenz. Genau das verstehe ich unter Workforce Design.
Peter: Insbesondere aus dem Umfeld der KI-Experten kommt oft das Argument, das Personalmanagement eigentlich überflüssig ist. Fast alle Aufgaben lassen sich von KI-Lösungen erledigen.
Sebastian: Ich sehe genau das Gegenteil. KI wird viele operative HR-Aufgaben automatisieren – von administrativen Prozessen bis hin zur Erstellung von Stellenanzeigen oder ersten Bewerberanalysen. Dadurch verschwindet aber nicht HR, sondern es entsteht Raum für die eigentliche strategische Arbeit. Denn jemand muss entscheiden, welche Aufgaben künftig Menschen übernehmen, welche KI-Systeme und welche hybriden Teams. Jemand muss Kompetenzen entwickeln, Veränderungen begleiten und Organisationen neu gestalten. Wenn HR diese Rolle übernimmt, wird die Funktion wichtiger denn je. Wenn nicht, werden andere Bereiche diese Aufgabe übernehmen.
Peter: Mein derzeitiger Schwerpunkt ist das Thema „Deskless Work“. Warum werden diese Mitarbeitenden – im Vergleich zu den Office Workern – wenig beachtet und betrachtet?
Sebastian: Ich glaube, dass wir den Begriff „Deskless Work“ häufig unterschätzen. Dahinter verbirgt sich schließlich der größte Teil der Wertschöpfung vieler Unternehmen – in Produktion, Logistik, Instandhaltung, Pflege oder Service. Gerade dort entscheiden Produktivität, Flexibilität und Kompetenzen unmittelbar über die Wettbewerbsfähigkeit. Ein Beispiel ist ein Framework, das ich derzeit im Rahmen eines Projektes zum Umgang mit Personalüberhängen entwickle. Ausgangspunkt ist die Strategische Personalplanung. Wenn Unternehmen frühzeitig erkennen, dass sich ihr Personal- oder Kompetenzbedarf verändert, stellt sich nicht nur die Frage, wie viele Mitarbeitende künftig benötigt werden, sondern vor allem, welche Maßnahmen sinnvoll sind. Gerade im produzierenden Bereich gibt es dafür deutlich mehr Stellhebel als häufig angenommen. Unternehmen können etwa Schichtmodelle anpassen, Produktionslinien temporär stilllegen, Maschinenlaufzeiten reduzieren, Mitarbeitende für andere Aufgaben qualifizieren oder interne Mobilität fördern. Ziel muss dabei immer sein, Kosten, Kapazitäten und Kompetenzen gemeinsam zu steuern – und nicht ausschließlich Personal abzubauen. Deshalb liegt mir dieser Bereich besonders am Herzen. Viele aktuelle HR-Diskussionen orientieren sich an der Wissensarbeit im Büro. Die eigentlichen Transformationsherausforderungen finden jedoch oft dort statt, wo Menschen produzieren, Maschinen bedienen, Anlagen instand halten oder Dienstleistungen direkt am Kunden erbringen. Wenn wir über die Zukunft der Arbeit sprechen, dürfen wir diesen Teil der Workforce nicht aus dem Blick verlieren. Von daher begrüße ich es sehr, dass Du hierauf einen Schwerpunkt legst!
Peter: Ein weiteres Thema ist KI und die Personalarbeit in den vielen mittelständischen Unternehmen. Wenn sich schon viele Großunternehmen schwer tun, was bedeutet KI-Adoption für die KMUs?
Sebastian: Der Mittelstand muss nicht jeden technologischen Trend mitmachen. Er sollte aber sehr genau verstehen, welche Auswirkungen KI auf sein Geschäftsmodell und seine zukünftigen Kompetenzen hat. Viele Unternehmen beginnen heute mit einzelnen Anwendungsfällen. Darüber haben wir schon kurz gesprochen: Das ist sinnvoll, reicht aber nicht aus. Die eigentliche Herausforderung - insb. für HR - besteht darin, KI mit Unternehmensstrategie, Organisationsentwicklung und Qualifizierung zu verbinden. Gerade kleinere Unternehmen haben hier sogar Vorteile: kürzere Entscheidungswege, weniger Komplexität und häufig eine größere Veränderungsgeschwindigkeit. Von daher kann das für KMUs auch eine enorme Chance zu einer wirksamen Anwendung von KI sein.
Peter: Was empfiehlst Du Studierenden, die trotz allem den Studienschwerpunkt HR wählen? Was sollten sie wissen und können? Wo sollten die Schwerpunkte ihrer Ausbildung liegen?
Sebastian: Neugierig auf alles zu sein – außer ausschließlich auf HR. Wer ausschließlich Personalmanagement studiert, wird künftig Schwierigkeiten haben. Gute HR-Expertinnen und HR-Experten verstehen Geschäftsmodelle, Technologien, Daten, Finanzen und Organisationsentwicklung. Ich würde jedem empfehlen, sich intensiv mit künstlicher Intelligenz, Business-Strategie, Change Management und Datenanalyse auseinanderzusetzen. Gleichzeitig bleiben klassische Kompetenzen wie Kommunikation, Moderation und Führung wichtiger denn je. Denn die Zukunft von HR besteht nicht darin, Menschen zu verwalten. Sie besteht darin, Unternehmen dabei zu helfen, ihre zukünftige Wertschöpfung zu gestalten.
Sebastian Thomas hat an der Leibniz Universität Hannover Wirtschaftswissenschaften studiert und dort auch zum Thema „Sustainable Leadership“ promoviert. Er verfügt über mehr als 15 Jahre Erfahrung in der Beratung und der strategischen Personalarbeit in einem internationalen DAX-Konzern. Sein Ziel ist es, Organisationen und Menschen zusammenzubringen und sie in dem, was sie tun, noch wirksamer, zufriedener und erfolgreicher zu machen. Dabei hilft ihm sowohl seine breite Expertise als Berater, Trainer und Coach als auch seine operative Erfahrung als Projektmanager und Führungskraft. Darüber hinaus ist er auch als Blogger aktiv.
Parallel dazu habe ich begonnen, meine Gedanken wieder stärker über meinen Blog und LinkedIn zu veröffentlichen. Das habe ich bereits ab 2017 schon mal intensiver getan, indem ich gebloggt und gepodcastet habe und häufig als Speaker auf Veranstaltungen unterwegs war - in dieser Zeit haben wir uns ja damals auch kennen gelernt. Das Schreiben ist für mich unglaublich wichtig. Es hilft mir, meine Gedanken zu strukturieren, Entwicklungen kritisch einzuordnen und Position zu beziehen – gerade in einer Zeit, in der sich durch KI die Rolle von HR grundlegend verändert.
Peter: Was verbirgt sich hinter CONSALITY?
Sebastian: Der Name CONSALITY setzt sich aus CONSulting und PersonALITY Development zusammen. Genau diese Verbindung beschreibt meinen Beratungsansatz und ich halte sie für entscheidend. Daher unterstütze ich Unternehmen wie gesagt einerseits dabei, ihre Organisation strategisch weiterzuentwickeln – beispielsweise über HR-Strategien, Strategic Workforce Planning oder Kompetenzmodelle. Und andererseits begleite ich Führungskräfte und Mitarbeitende dabei, genau die Kompetenzen aufzubauen, die sich aus dieser Strategie ergeben. Denn Beratung ohne Umsetzung bleibt häufig ein Konzept auf dem Papier. Und Qualifizierung ohne strategischen Kontext führt oft zu Trainings, die zwar gut gemeint sind, aber wenig Wirkung entfalten. Erst wenn Strategie, Kompetenzentwicklung und Qualifizierung ineinandergreifen, entsteht wirksame und nachhaltige Veränderung.
Peter: Schaue ich auf Deine LinkedIn-Posts: Du hast dir ja die Weiterentwicklung beziehungsweise Professionalisierung des Personalmanagements auf die Fahne geschrieben. Wo siehst du hier die wichtigsten Punkte?
Sebastian: Ich glaube, wir diskutieren häufig über die falschen Themen. Viele Debatten drehen sich um neue Rollenmodelle, HR-Software oder einzelne KI-Anwendungen. Das sind wichtige Werkzeuge, aber sie beantworten nicht die eigentliche Frage. Die Professionalisierung von HR beginnt aus meiner Sicht dort, wo HR das Geschäft versteht. Wer die Unternehmensstrategie nicht versteht, kann weder Kompetenzen entwickeln noch den zukünftigen Personalbedarf planen oder den Beitrag von KI sinnvoll bewerten. Deshalb wird Strategic Workforce Planning für mich zur Integrationsdisziplin der gesamten HR-Funktion. Hier laufen Strategie, Kompetenzmanagement, Organisationsentwicklung, Qualifizierung und Finanzplanung zusammen. Gerade zum Thema Strategische Personalplanung werden in den nächsten Wochen noch einige Beiträge erscheinen und sehr konkret die Anwendung und den Mehrwert des Themas beschreiben. Zudem schreibe ich gerade - natürlich, weil das Thema so präsent und wichtig ist - viel über den Einsatz von künstlicher Intelligenz im HR-Bereich. Ich bin überzeugt, dass einzelne Use Cases zwar hilfreich sind, um den Mehrwert von KI aufzuzeigen und die Organisation an das Thema heranzuführen. Gleichzeitig dürfen wir dort nicht stehenbleiben - es bedarf einer sinnvollen Strategie, um KI wirksam einzusetzen und nicht nur über Anwendungsbeispiele Aktivität zu demonstrieren.
Peter: In Deinem Blog sprichst Du von Capability Circles und Workforce Design. Was ist darunter zu verstehen? Ein neues HR Operating Model oder neue Aufgaben für HR?
Sebastian: Eigentlich beides. Und für mich beginnt die Frage noch einen Schritt früher: Passt das klassische HR Operating Model überhaupt noch zu den Herausforderungen der kommenden Jahre? Das Business-Partner-Modell nach Dave Ulrich hat HR über viele Jahre geprägt und einen enormen Beitrag zur Professionalisierung geleistet. Heute stehen Unternehmen jedoch vor anderen Herausforderungen: KI verändert Wertschöpfung, Kompetenzen werden zum entscheidenden Wettbewerbsfaktor und Transformation findet kontinuierlich statt. Diese Themen lassen sich kaum noch in klassischen HR-Abteilungen bearbeiten. Deshalb spreche ich von Capability Circles. Dahinter steht die Idee, HR nicht mehr entlang von Funktionen wie Recruiting, Personalentwicklung oder im Business Partner Modell zu organisieren, sondern entlang der Fähigkeiten und Aufgaben, die Unternehmen tatsächlich für ihre Wertschöpfung benötigen. Beispielsweise einen Circle für Strategie und Organisation, einen für Talent, Leadership und Qualifizierung sowie einen für Operations und Governance. Diese Circle arbeiten Cross-funktional - HR ist dabei, aber eben auch Strategie, Business Development, Sales, Finance, IT oder Repräsentanten von Fachbereichen wie bspw. der Produktion. Ergänzt wird das durch Daten- und KI-Kompetenz als Querschnittsfunktion. Das eigentliche Ziel ist aber nicht ein neues Organigramm. Capability Circles sind Ausdruck eines neuen Selbstverständnisses. HR entwickelt sich vom Verwalter von Personalprozessen zum Gestalter zukünftiger Wertschöpfungssysteme – aus Menschen, Technologie und künstlicher Intelligenz. Genau das verstehe ich unter Workforce Design.
Peter: Insbesondere aus dem Umfeld der KI-Experten kommt oft das Argument, das Personalmanagement eigentlich überflüssig ist. Fast alle Aufgaben lassen sich von KI-Lösungen erledigen.
Sebastian: Ich sehe genau das Gegenteil. KI wird viele operative HR-Aufgaben automatisieren – von administrativen Prozessen bis hin zur Erstellung von Stellenanzeigen oder ersten Bewerberanalysen. Dadurch verschwindet aber nicht HR, sondern es entsteht Raum für die eigentliche strategische Arbeit. Denn jemand muss entscheiden, welche Aufgaben künftig Menschen übernehmen, welche KI-Systeme und welche hybriden Teams. Jemand muss Kompetenzen entwickeln, Veränderungen begleiten und Organisationen neu gestalten. Wenn HR diese Rolle übernimmt, wird die Funktion wichtiger denn je. Wenn nicht, werden andere Bereiche diese Aufgabe übernehmen.
Peter: Mein derzeitiger Schwerpunkt ist das Thema „Deskless Work“. Warum werden diese Mitarbeitenden – im Vergleich zu den Office Workern – wenig beachtet und betrachtet?
Sebastian: Ich glaube, dass wir den Begriff „Deskless Work“ häufig unterschätzen. Dahinter verbirgt sich schließlich der größte Teil der Wertschöpfung vieler Unternehmen – in Produktion, Logistik, Instandhaltung, Pflege oder Service. Gerade dort entscheiden Produktivität, Flexibilität und Kompetenzen unmittelbar über die Wettbewerbsfähigkeit. Ein Beispiel ist ein Framework, das ich derzeit im Rahmen eines Projektes zum Umgang mit Personalüberhängen entwickle. Ausgangspunkt ist die Strategische Personalplanung. Wenn Unternehmen frühzeitig erkennen, dass sich ihr Personal- oder Kompetenzbedarf verändert, stellt sich nicht nur die Frage, wie viele Mitarbeitende künftig benötigt werden, sondern vor allem, welche Maßnahmen sinnvoll sind. Gerade im produzierenden Bereich gibt es dafür deutlich mehr Stellhebel als häufig angenommen. Unternehmen können etwa Schichtmodelle anpassen, Produktionslinien temporär stilllegen, Maschinenlaufzeiten reduzieren, Mitarbeitende für andere Aufgaben qualifizieren oder interne Mobilität fördern. Ziel muss dabei immer sein, Kosten, Kapazitäten und Kompetenzen gemeinsam zu steuern – und nicht ausschließlich Personal abzubauen. Deshalb liegt mir dieser Bereich besonders am Herzen. Viele aktuelle HR-Diskussionen orientieren sich an der Wissensarbeit im Büro. Die eigentlichen Transformationsherausforderungen finden jedoch oft dort statt, wo Menschen produzieren, Maschinen bedienen, Anlagen instand halten oder Dienstleistungen direkt am Kunden erbringen. Wenn wir über die Zukunft der Arbeit sprechen, dürfen wir diesen Teil der Workforce nicht aus dem Blick verlieren. Von daher begrüße ich es sehr, dass Du hierauf einen Schwerpunkt legst!
Peter: Ein weiteres Thema ist KI und die Personalarbeit in den vielen mittelständischen Unternehmen. Wenn sich schon viele Großunternehmen schwer tun, was bedeutet KI-Adoption für die KMUs?
Sebastian: Der Mittelstand muss nicht jeden technologischen Trend mitmachen. Er sollte aber sehr genau verstehen, welche Auswirkungen KI auf sein Geschäftsmodell und seine zukünftigen Kompetenzen hat. Viele Unternehmen beginnen heute mit einzelnen Anwendungsfällen. Darüber haben wir schon kurz gesprochen: Das ist sinnvoll, reicht aber nicht aus. Die eigentliche Herausforderung - insb. für HR - besteht darin, KI mit Unternehmensstrategie, Organisationsentwicklung und Qualifizierung zu verbinden. Gerade kleinere Unternehmen haben hier sogar Vorteile: kürzere Entscheidungswege, weniger Komplexität und häufig eine größere Veränderungsgeschwindigkeit. Von daher kann das für KMUs auch eine enorme Chance zu einer wirksamen Anwendung von KI sein.
Peter: Was empfiehlst Du Studierenden, die trotz allem den Studienschwerpunkt HR wählen? Was sollten sie wissen und können? Wo sollten die Schwerpunkte ihrer Ausbildung liegen?
Sebastian: Neugierig auf alles zu sein – außer ausschließlich auf HR. Wer ausschließlich Personalmanagement studiert, wird künftig Schwierigkeiten haben. Gute HR-Expertinnen und HR-Experten verstehen Geschäftsmodelle, Technologien, Daten, Finanzen und Organisationsentwicklung. Ich würde jedem empfehlen, sich intensiv mit künstlicher Intelligenz, Business-Strategie, Change Management und Datenanalyse auseinanderzusetzen. Gleichzeitig bleiben klassische Kompetenzen wie Kommunikation, Moderation und Führung wichtiger denn je. Denn die Zukunft von HR besteht nicht darin, Menschen zu verwalten. Sie besteht darin, Unternehmen dabei zu helfen, ihre zukünftige Wertschöpfung zu gestalten.
Sebastian Thomas hat an der Leibniz Universität Hannover Wirtschaftswissenschaften studiert und dort auch zum Thema „Sustainable Leadership“ promoviert. Er verfügt über mehr als 15 Jahre Erfahrung in der Beratung und der strategischen Personalarbeit in einem internationalen DAX-Konzern. Sein Ziel ist es, Organisationen und Menschen zusammenzubringen und sie in dem, was sie tun, noch wirksamer, zufriedener und erfolgreicher zu machen. Dabei hilft ihm sowohl seine breite Expertise als Berater, Trainer und Coach als auch seine operative Erfahrung als Projektmanager und Führungskraft. Darüber hinaus ist er auch als Blogger aktiv.


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