Mittwoch, 23. Dezember 2020

Von Patentrezepten zu spezifischen Lösungen - Zum Umgang mit den Widersprüchen virtueller Zusammenarbeit und Führung

Ja gibt es sie denn, die ultimativen Tipps zur erfolgreichen Gestaltung digital gestützter Führung und Zusammenarbeit unter den Bedingungen von Homeoffice, mobiler Arbeit, Remote Work oder orts- und zeitflexibler Arbeit? Aus meiner Sicht NEIN. Es handelt sich dabei um so viele unterschiedliche Akteure, so viele verschiedene Aufgaben und Settings, von der eingesetzten Technik ganz zu schweigen, so dass es sehr schwer sein dürfte, hier die jeweils passenden Tipps zu geben. 

In den letzten Monaten habe ich - aus der Sicht eines Lehrenden, als Teilnehmer an Formaten wie #9vor9, virtuellen Konferenzen oder auch Podcasts - festgestellt, dass die folgenden Dinge viel wichtiger als bisher sind: Aufeinander Zugehen und voneinander Lernen (auch mit digitalen Hilfsmitten). Mir fällt dabei immer wieder auf, dass viele der „ewigen“ Fragen zur Gestaltung guter Führung und Zusammenarbeit sich derzeit in aller Schärfe stellen und beantwortet werden müssen. Ausweichen, Vertagen und Aussitzen aber auch autoritäres Gehabe bringen nicht mehr den gewünschten Erfolg. Erkennbar wird dies insbesondere bei Kommunikationsdefiziten, toxischer Führung, mangelhaftem Vertrauen oder auch bei geringem Zugehörigkeitsempfinden. Die Wirkungen der „Führungs-Fails“ schlagen jetzt voll durch. Demgegenüber werden die positiven Auswirkungen von Offenheit, Vertrauen, Empathie und Transparenz sowie der nötigen digital skills deutlich sichtbar.











Wenn es keine Patentrezepte mehr gibt, braucht es andere Lösungen für die aktuellen Herausforderungen. Es ist aus meiner Sicht viel wichtiger geworden, mit den Widersprüchen virtueller Zusammenarbeit gezielt umzugehen. Zu diesen Widersprüchen gehört, dass virtuelle Zusammenarbeit und Führung

  • weniger eine technische und als vielmehr eine kulturelle und organisatorische Herausforderung darstellt
  • von Führungskräften und Mitarbeitenden sehr unterschiedlich umgesetzt bzw. erlebt wird
  • soziale Taktgeber (ein Begriff von Professor Zacher/Uni Leipzig), d.h. nicht unbedingt die Führungskräfte, spielen für das Funktionieren virtueller Zusammenarbeit eine außerordentlich wichtige Rolle   
  • Zusammenarbeit und Führung auf Distanz ist, die jedoch auch oft eine unerwünschte Nähe mit sich bringt
  • Autonomie ermöglicht aber den Wunsch nach stärkerer Koordination, Führung und Kontrolle bei vielen Akteuren verstärkt
  • umfassende und regelmäßige Kommunikation erfordert, die jedoch oft nur formal und weniger informal erfolgt 
  • eher als formale Herausforderung verstanden wird, aber deutlich macht, dass informale Aspekte zum Erfolgsfaktor geworden sind
  • innovative Formen der Zusammenarbeit fördert aber auch zu sozialer Isolation und Gefahren für die Psyche der Mitarbeitenden
  • neue Regelungen (Gesetze) sinnvoll erscheinen lässt, diese aber Restriktionen in der Praxis mit sich bringen 
  • gleichermaßen Ursache von Produktivitätssteigerungen und -minderungen sein können
  • gänzlich neue Möglichkeiten des Lernens mit sich bringt, die aber nur sehr begrenzt umgesetzt werden

Dies bedeutet für mich, dass in jedem Fall die Akteure gemeinsam spezifische Lösungen zum Umgang mit virtueller Zusammenarbeit finden sollten, die den konkreten Bedingungen entsprechen und niemanden überfordern bzw. einer dauernden Gefährdung aussetzen. 

Für die einzelnen Führungskräfte und Mitarbeitenden dürfte es deshalb bei virtueller Zusammenarbeit um ganz konkrete Antworten auf die folgenden Fragen gehen.

  • wieviel Verantwortung übernehme ich selbst und wieviel Verantwortung übertrage ich an andere
  • inwieweit habe ich meine und die mentale Gesundheit anderer im Blick bzw. greife auf Hilfe zurück oder biete diese an
  • wie lerne ich und wie teile ich das Gelernte mit anderen
  • wie weit vernetze ich mich digital, wo erkenne und ziehe ich (notwendige) Grenzen
  • wofür/wann setze ich digitale Hilfsmittel ein und wofür/wann nicht 

Der künftige Nutzen virtueller Zusammenarbeit und Führung wird davon abhängen, inwieweit jeder Mitarbeitende, jedes Team, jedes Unternehmen  die "passende" Lösung finden wird. Zu möglichen Lösungen und angrenzenden Fragen werden hier im Leipziger HRM-Blog in den nächsten Tagen Meinungen und Erfahrungen vorgestellt. 

Darum: Stay tuned!

Bild von Hugo Hercer auf Pixabay 

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