Dienstag, 18. Februar 2020

Arbeitgeberranking neu gedacht - Gespräch mit Philipp Seegers zum Student's Choice Award

Über Arbeitgeberrankings und ihre Qualität wird häufig diskutiert. Sie sind auch ein beliebtes Thema für Abschluss- und Hausarbeiten meiner Studierenden. Es gibt derzeit eine nahezu unüberschaubare Anzahl dieser Rankings, die mehr oder weniger sinnvolle Ergebnisse bringen und über deren Akzeptanz sich trefflich streiten lässt. Mit den "Students' Choice Awards" liegt ein neues Ranking vor, das jedoch sofort meine Aufmerksamkeit hatte, weil ich den Autor, Herrn Dr. Philipp Seegers, gut kenne und seine Arbeit sehr schätze. Herr Dr. Seegers ist einer der Gründer von candidate select (kurz CASE) und hat den HR Innovation Day 2017 mit einem exzellenten Workshop bereichert. Unmittelbar nachdem ich von den Students‘ Choice Awards erfahren habe, habe ich Kontakt mit ihm aufgenommen und freue mich sehr, dass ich ihn heute dazu befragen kann.

Wald: Lieber Herr Dr. Seegers, schön, dass sich unsere Wege wieder einmal kreuzen und dass ich Sie zu Ihrem neuen Baby – einem Arbeitgeberranking mit dem Titel "Students' Choice Awards" befragen darf.
Seegers: Lieber Herr Prof. Wald, vielen Dank für die Möglichkeit, mit Ihnen darüber zu sprechen. Das Baby ist in dieser Hinsicht aber eher die Studienreihe „Fachkraft 2030“ und, da wir diese zusammen mit Studitemps bereits seit 2012 durchführen, inzwischen auch schon acht Jahre alt. Im Rahmen dieser Studienreihe konnten wir schon über 300.000 Studierende deutschlandweit befragen und auf dieser repräsentativen Stichprobe bauen jetzt auch die Students‘ Choice Awards auf.

Wald: Eine Frage drängt sich mir auf: Bei der Vielzahl der vorhandenen Arbeitgeberrankings braucht es wirklich noch ein weiteres Ranking? Oder anders gefragt, was macht Ihre "Students‘ Choice Awards" einzigartig?
Seegers: Sie haben vollkommen recht, es gibt wirklich schon einige Arbeitgeberrankings. Dennoch sind die Students‘ Choice Awards aus zwei Gründen einzigartig. Zum einen nutzen wir eine andere Methodik, um besser zwischen der Attraktivität und der Bekanntheit von Arbeitgebern unterscheiden zu können. Zum anderen ist unsere Stichprobe in Deutschland einzigartig und die Studierenden haben es auch bei diesem Thema verdient, eine Stimme zu bekommen.

Wald: Können Sie dies den Leser*innen meines Blogs etwas näher erläutern.
Seegers: Die häufigste Frage bei empirischen Arbeitgeberrankings ist die nach dem Wunscharbeitgeber. Neben der Tatsache, dass die wenigsten Studierenden im Anschluss an das Studium bei ihrem Wunscharbeitgeber arbeiten werden, misst man mit dieser Art Fragestellung gleichzeitig Bekanntheit und Attraktivität. Und, man kann nicht zwischen diesen beiden Faktoren unterscheiden. Mit den Students‘ Choice Awards wollen wir aber Attraktivität und nicht Bekanntheit auszeichnen und müssen deswegen zwischen diesen beiden Faktoren unterscheiden können. Das erreichen wir, indem wir den Studierenden zufällig ausgewählte Arbeitgeber anzeigen und sie hierzu befragen.

Wald: Wenn Sie den Studierenden zufällig ausgewählte Arbeitgeber anzeigen, wie schließen Sie die Gefahr aus, dass es bei der Auswahl zu Fehlern kommt. Liegt in dieser Auswahl nicht die Gefahr, dass wie so oft die „Hidden Champions“ nicht berücksichtigt werden? Was passiert, wenn Studierende die genannten Arbeitgeber nicht kennen und sich deshalb auch nicht vorstellen können, für diese zu arbeiten. Es dürfte in diesem Fall den Studierenden auch schwerfallen, die betreffenden Arbeitgeber hinsichtlich Karrierechancen, Chancengleichheit, Nachhaltigkeit, Vertrauenswürdigkeit und Innovationskraft zu bewerten.
Seegers: Wir haben die Vorauswahl, welche Unternehmen wir abfragen, im Rahmen der vorherigen Erhebungswelle durch die Studierenden treffen lassen. Und, wir befragen Studierende natürlich nur zu Unternehmen, die diese auch kennen. Aber genau darin liegt das von Ihnen angesprochene Problem. Selbst mit einer wirklich großen Studienreihe wie der „Fachkraft 2030“ kommt man bei einigen „Hidden Champions“ dann schon nicht mehr auf eine aussagekräftige Stichprobe. Und das bedeutet, dass selbst, wenn wir den Blick lediglich auf Attraktivität richten wollen, wir leider manche Unternehmen mit „zu niedriger“ Bekanntheit aufgrund von nicht ausreichend großen Stichproben ausschließen müssen. Trotzdem treibt uns aber auch gerade das Thema „Hidden Champions“ sehr um. Genau aus diesem Grund haben wir dazu vor gut einem Jahr ein Whitepaper veröffentlicht. Interessierte Leser finden dies hier

Wald: Welche Themen beeinflussen die Attraktivität von Arbeitgebern?
Seegers: Unser Fokus lag in dieser Befragungsrunde darauf, methodisch sauber zu erheben, welche Arbeitgeber wie attraktiv sind. Leider darf ich aktuell die Preisträger noch nicht nennen, aber besonders im Anschluss an die Preisverleihung wird sich der Blick auf die ausgezeichneten Unternehmen lohnen, denn diese machen auf jeden Fall einiges richtig und davon können dann auch andere Unternehmen lernen. Welche Faktoren grundsätzlich Arbeitgeberattraktivität ausmachen, ist eine andere Frage, an der wir in der Vergangenheit bereits geforscht haben. Das Thema wird bei uns auch zukünftig eine große Rolle spielen.

Wald: Können Sie uns da ein paar konkrete Beispiele geben?
Seegers: Gerne, im Rahmen einer Vortragsreihe beschäftigen wir uns aktuell sehr stark mit den Erwartungen angehender Absolventen an den Arbeitsmarkt. Neben den klassischen Faktoren wie Gehalt und Arbeitszeit schauen wir dort auch auf weiche Faktoren wie Jobprofile, Nebenleistungen und Anforderungen an den Arbeitsplatz. Im April kommen wir auch nach Leipzig, daher gerne ein Tipp vorweg: Die Möglichkeit, sich im Job fortzubilden, ist bei Absolventen sehr beliebt. Wer dies nicht nur anbietet, sondern auch aktiv bewirbt, hat sicherlich gute Chance, nicht nur attraktiv zu sein, sondern so auch wahrgenommen zu werden.

Wald: Was bringt Studierenden ein Blick auf die Ergebnisse Ihres Rankings?
Seegers: Die Studierenden als Gruppe sind die Jury der Students‘ Choice Awards, die Zielgruppe sind die Unternehmen. Der Blick auf die Ergebnisse kann Studierenden aber dabei helfen, die eigene Wahrnehmung mit der von Mitstudierenden abzugleichen. Ob Studierende auf Basis der Students‘ Choice Awards ihre Karriereplanung anpassen sollten, würde ich aber in Frage stellen. Die ausgezeichneten Unternehmen sind zweifelsohne sehr attraktiv. Was für den Einzelnen aber der richtige Weg in den Arbeitsmarkt ist, ist eine individuelle Entscheidung. Da muss man dann seinen eigenen Weg suchen und finden.

Wald: Ja, und noch eine Frage von mir aus meiner Sicht als aktiver Twitterati. Warum ist Ihr Unternehmen seit einiger Zeit so aktiv auf Twitter?
Seegers: Wir haben mit CASE im letzten Jahr eine Finanzierungsrunde abschließen können und durch den Leitmarktwettbewerb IKT.NRW die Möglichkeit bekommen, eine Förderung des Landes NRW und der Europäischen Union zu erhalten. Hier setzen wir uns im Rahmen des Projektes „FAIR“ zusammen mit der Universität zu Köln, der Deutschen Telekom, Simon-Kucher & Partners, Studitemps und Viega mit der Entwicklung diskriminierungsfreier Recruiting-Algorithmen auseinander. Durch diese tollen Entwicklungen ist unser Team stark gewachsen und ich bin nicht mehr der Einzige, der unseren Twitter-Account bespielt. Jeder, der etwas zu sagen hat, darf bei uns twittern.

Wald: Lieber Herr Dr. Seegers, herzlichen Dank für das Gespräch. Ich wünsche Ihnen und CASE weiterhin viele Erfolge.
Seegers: Vielen Dank, ich freue mich bereits auf das nächste Wiedersehen, vielleicht klappt es ja bei der Network Night in Leipzig.

Dr. Philipp Seegers
Dr. Philipp Seegers forscht an der Maastricht University School of Business and Economics zu Arbeitsmarkt- und Bildungsthemen und ist Gründer sowie Managing Director der candidate select GmbH (kurz CASE) mit Sitz in Köln/Bonn. CASE hat es sich zum Ziel gesetzt akademische Abschlüsse mithilfe eines Algorithmus und großen Bildungsdatensätzen vergleichbar zu machen. Weitere Ergebnisse aus der „Fachkraft 2030“ Studienreihe stellt Herr Seegers im Rahmen einer Vortragsreihe auf den Studitemps Network Nights dar. Inhaltich geht es dabei vor allem um die Erwartungen junger Akademikerinnen und Akademiker an ihren Berufseinstieg. Am 27. April 2020 wird er dafür in Leipzig zu Gast sein. Anmeldungen zu diesem kostenfreien Event sind über diesen Link möglich.


Keine Kommentare:

Kommentar posten