Freitag, 19. Juni 2020

Mit Jogginghose und Pizza am Computer oder lieber doch nicht? - Interview zum Homeoffice mit Professor Mehnert-Theuerkauf

Beim Lesen meiner regionalen Tageszeitung - der Leipziger Volkszeitung (LVZ) - ist mir vor wenigen Tagen ein Interview besonders aufgefallen. Unter der Überschrift „Mit Jogginghose auf der Couch: Verlottere ich im Homeoffice?“ wurde Frau Professor Anja Mehnert-Theuerkauf, Psychologin an der Universität Leipzig, zu Hinweisen und Tipps zum Themenbereich „Homeoffice“ befragt. Auch wenn mir bekannt ist, wie Interviews in der Regionalpresse ablaufen, war ich doch erstaunt, welchen Stellenwert Frau Professor Mehnert-Theuerkauf sowohl der Kleidung als auch der Tagesplanung beimisst. Vielen ihrer Gedanken kann ich zustimmen, habe aber auch einige Fragen an sie. Ich bin deshalb sehr froh, dass ich sie für ein Gespräch gewinnen konnte. 

Prof. Mehnert-Theuerkauf
Im Interview: Professor Anja Mehnert-Theuerkauf


















Da Frau Professor Mehner-Theuerkauf eine ausgewiesene Expertin auf dem Gebiet der Medizinpsychologie mit einer erkennbaren digitalen Affinität ist, verspreche ich mir von diesem Interview auch Impulse, was die Betrachtung der digital gestützten Führung und Zusammenarbeit betrifft. Vielleicht gibt es zudem neue Akzente, was die Bewertung der mittlerweile nahezu unüberschaubaren Menge an Hinweisen und Tipps zum „Homeoffice“ betrifft. Ich hoffe, dass ich mit diesen einleitenden Bemerkungen, die Chancen, Antworten auf meine Fragen zu bekommen, nicht verringert haben. 

Wald: Bereits an dieser Stelle herzlichen Dank dafür, dass Sie sich die Zeit für dieses Interview nehmen. 
Mehnert-Theuerkauf: Gerne.

Wald: Mit dem erwähnten Interview in der hiesigen Zeitung der LVZ haben Sie mMn die derzeit laufenden Diskussionen bereichert. Das Interview hat einen ganz anderen Blick auf das Thema „Homeoffice“ erlaubt. Es ist doch so, dass darüber oft einseitig und auch nur wenig kontrovers diskutiert wird. Oft geht es dabei ausschließlich um die technisch-organisatorischen Aspekte.
Mehnert-Theuerkauf: Vor dem Hintergrund meiner Arbeit interessieren mich natürlich die psychologischen Auswirkungen des Homeoffice und die Dinge, die wir tatsächlich für eine ausgeglichene Stimmung und eine gute Lebensqualität tun können – auch oder gerade in belastenden Lebensphasen. 

Wald: Wie sind Sie auf das Thema Homeoffice und Kleidung gekommen? Warum sollten sich Mitarbeiter im Homeoffice schick anziehen? Warum ist das Thema überhaupt Outfit bzw. Kleidung im Homeoffice wichtig? 
Mehnert-Theuerkauf: Nun ja, das war tatsächlich der Wunsch der LVZ, zu diesem Thema ein Interview zu machen. Aber ich halte das Thema auch für wichtig, denn Kleidung gibt neben anderen Aspekten wie Funktionalität oder Mode vor allem auch Struktur. Kleidung ist wie Essen oder Körperpflege ein wichtiger Teil unserer Kultur und sie sendet Signale nach außen – aber genauso nach innen. Mit Kleidung drücke ich etwas aus, sie kann inspirieren, beeinflusst die innere Haltung und ist auch ein Aspekt der Selbstfürsorge. Wir leben in einer Gesellschaft, in der viele Menschen zu Hause etwas Bequemes tragen, also meist Jogginghose und T-shirt. Das ist grundsätzlich nicht verkehrt und auch ein schönes Gefühl, wenn man abends nach Hause kommt und die Arbeitsklamotten gegen etwas Bequemes eintauscht. Wenn man aber den ganzen Tag zu Hause verbringt, und vielleicht Schwierigkeiten hat, den Tag selbst zu strukturieren oder in Schwung zu kommen, dann ist die Jogginghose nicht förderlich. Es ist vergleichbar mit Esskultur: Besser ein gutes selbst gekochtes Gericht am Tisch als die Fertigpizza vorm Laptop.

Wald: Im erwähnten Interview sprechen Sie von zwei grundlegenden Ausprägungen des Verhaltens im Home Office – vom „Sich-gehen-lassen“ auf der einen und vom „Tag planen“ auf der anderen Seite. Warum ist es so wichtig, den Tag im Home Office zu planen?
Mehnert-Theuerkauf: Vielen Menschen fällt es schwer, über längere Zeit ohne Struktur von außen eine Tagesstruktur aufrecht zu erhalten und sich z.B. zu einer bestimmten Zeit an den Schreibtisch zu setzen und zu arbeiten. Da sind die Ablenkungsmöglichkeiten groß: das Handy, TV, Serien, Computerspiele etc. Natürlich ist es normal, den einen oder anderen Tag auf der Couch abzuhängen, aber es sollte kein Dauerzustand werden. Aus der klinischen Psychologie wissen wir, dass daraus schnell ein Teufelskreis entsteht von Inaktivität, dysfunktionalen Gedanken, depressiven Verstimmungen, einem geringen Selbstwertgefühl und Passivität. Deswegen ist es wichtig, sich selbst eine Tagesstruktur zu geben und Dinge zu planen. 

Wald: Das Thema „Feste Tagesstruktur“ findet sich in vielen der aktuellen Statements. Dies ist gerade für die Mitarbeiter wichtig, die noch nicht über viele Erfahrungen im Homeoffice verfügen. Wie kommen diese Mitarbeiter zu einer festen Tagesstruktur bzw. um einen vernünftigen Umgang mit der verfügbaren Arbeitszeit? Sollten sie den ganzen Tag „durchplanen“?     
Mehnert-Theuerkauf: Ja, warum nicht, zumindest die wichtigsten Aufgaben. Und auch freie Zeiten sollte man einplanen oder bestimmte Dinge, auf die man sich besonders freut. Den Tag zu planen, hört sich meist öde an und wenig spontan. Aber eine gute Planung gibt Halt und Struktur und hilft dabei, aktiv zu bleiben.

Wald: Sie haben auch die Fragen von „Struktur und Disziplin“ im Homeoffice thematisiert. Was meinen Sie damit? 
Mehnert-Theuerkauf: Struktur meint, dass ich meinem Tagesablauf selbst organisiere. Ich plane die Aufgaben, die notwendig sind, z.B. arbeiten, einkaufen, aufräumen etc., Mahlzeiten und natürlich auch Pausen und bewusst erholsame Dinge ein: Das kann Bewegung und Sport sein, ein bestimmtes Hobby, ein gutes Essen, ein gutes Buch oder auch eine spannende Serie. Dazu gehört natürlich eine gewisse Portion Selbstdisziplin, den Tagesablauf auch einzuhalten. Es kann helfen, sich den Wecker zu stellen, aber auch Kleidung kann hier helfen. Es ist meist leichter, sich in einem frischen Hemd und einer Jeans an den Schreibtisch zu setzen als im Pyjama. 

Wald: Ein Blick auf Ihre aktuellen Projekte wie zum Beispiel „Optimierte psychoonkologische Versorgung durch einen interdisziplinären Versorgungsalgorhythmus – vom Screening zur Intervention“ weist nicht unbedingt auf Bezüge zum „Homeoffice“ hin. Bei anderen Projekten habe ich jedoch eine Reihe von Verbindungen zur Digitalisierung gefunden. Wie sind Sie zum Thema „Homeoffice“ gekommen?
Mehnert-Theuerkauf: In der Forschung befasse ich mich schwerpunktmäßig mit den psychosozialen Auswirkungen akuter und chronischer körperlicher Erkrankungen wie z.B. Krebs. Wir forschen auch dazu, wie wir Menschen und ihren Familien in solchen schwierigen Lebensphasen helfen können. Auch hier sind – soweit es die körperliche Verfassung zulässt – Tagesstruktur und Aktivität enorm wichtig, um die Lebensqualität zu erhalten. Das Thema Homeoffice kam tatsächlich durch das LVZ-Interview.

Wald: Oft wird derzeit auch über Fragen der richtigen Führung von Mitarbeitern im Homeoffice diskutiert. Gibt es hier Dinge, die aus Ihrer Sicht wichtig sind? Haben Sie ggf. bereits persönliche Erfahrungen gesammelt?
Mehnert-Theuerkauf: Ja, in unserer Abteilung war auch ein Teil des Teams zumindest zeitweise im Homeoffice. Wichtig sind kontinuierliche aber maßvolle Informationen, Transparenz, klare Zuständigkeiten, Verlässlichkeit und nicht zuletzt auch der Teamspirit, diese Zeit gemeinsam zu meistern.

Wald: Vom Homeoffice zur digitalen Lehre. Ich kann mittlerweile auf einige Monate intensiver digitaler Lehre zurückblicken. Was denken Sie, warum haben nach wie vor eine Reihe von Studierenden Probleme damit, sich in diesen Lehrveranstaltungen zu zeigen (d.h. die Kamera anzuschalten)?
Mehnert-Theuerkauf: Das kann natürlich unterschiedliche Gründe haben. Manche möchten sich vielleicht nicht in ihrem privaten Umfeld zeigen, vielleicht sind vielleicht soziale Ängste, oder auch einfach Technikprobleme.

Wald: Wie wird es aus Ihrer Sicht mit der Digitalisierung im Homeoffice und bei der Lehre weitergehen? Gibt es hier aus Ihrer Sicht wichtige Entwicklungen?
Mehnert-Theuerkauf: Es gibt viele gute Möglichkeiten, z.B. dass die Studierenden sich die digital zur Verfügung gestellten Inhalte eigenständig aneignen und die Präsenzveranstaltungen dann zur gemeinsamen Diskussion und Vertiefung des Lehrstoffes nutzen („Inverted Classroom“). Ich denke, wir werden in den nächsten Jahren hier viele neue Formate mit den Studierenden gemeinsam und ausprobieren und daraus lernen können. Ein viel größeres Problem sehe ich momentan in der unzureichenden Digitalisierung an den Unis. Im Zeitalter von KI bin ich manchmal schon froh, wenn Eduroam funktioniert.

Wald: Ganz herzlichen Dank für dieses offene Gespräch. Ich wünsche weiterhin viele Erfolge in der wissenschaftlichen Arbeit!

Meine Gesprächspartnerin Frau Professor Anja Mehnert-Theuerkauf ist seit 2015 Leiterin der Abteilung für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie, Universitätsmedizin Leipzig. Sie wurde 2015 auf den Lehrstuhl für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie am Universitätsklinikum Leipzig berufen. Frau Mehnert-Theuerkauf studierte von 1993 bis 1999 an der Universität Hamburg Psychologie und wurde 2005 promoviert. Nach einem einjährigen post-doc Aufenthalt am Memorial Sloan-Kettering Cancer Center 2007-2008 in New York schloss sich 2010 die Habilitation und Venia Legendi für Medizinische Psychologie und Klinische Psychologie an der Universität Hamburg an. 2016 erhielt Professor Anja Mehnert-Theuerkauf den Deutschen Krebspreis.

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